Afghanistan: Die endlose Tragödie eines Volkes
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Sozialistische Alternative (SOAL - 4. Internationale), Redaktion "die
linke":
Afghanistan:

Die endlose Tragödie eines Volkes
Von Antonio Moscato

Nach Jahrhunderten der Isolierung befand sich das im Jahre 1747 von
Achmad Schah Saddozai, einem Kriegsherren aus Kandahar, vereinigte
Afghanistan in der Mitte des 19. Jahrhunderts im Zentrum des "großen
Spiels" zwischen Großbritannien und Russland. In etwa zum gleichen
Zeitpunkt wurde der Sultan in Konstantinopel gezwungen, sein Land für
britische Waren zu öffnen, und das chinesische Reich musste alle
Hindernisse für das Eindringen von Opium beseitigen, welches in den
britischen Besitzungen in Indien und in den französischen in
Indochina produziert wurde.
Russland hatte die Khanate Khiwa, Bukara, Kokand und Samarkand noch
nicht erobert, hatte aber mehrfach versucht dort einzudringen,
angeblich um russische Sklaven zu befreien oder unter anderen
Vorwänden; dabei profitierte es von den Konflikten zwischen diesen
sehr reichen kleinen Fürstentümern. Wie immer war dieses Eindringen
von Kaufleuten und ForscherInnen vorbereitet worden (in diesem Fall
nicht von Missionaren, weil in der islamischen Welt die christliche
Missionierung verboten war).

DAS "GROSSE SPIEL" DES 18. UND 19. JAHRHUNDERTS
Nachdem 1837 ein britischer Agent erfahren hatte, dass sich russische
Emissäre beim Emir Dost Muhammad in Kabul aufhielten, schickte
Großbritannien, weil es eine gemeinsame Eroberung des Landes durch
ein Bündnis zwischen dem Zaren und dem Schah von Persien befürchtete,
eine Expeditionstruppe von 9 500 Mann, fast alles Inder, die erst
Kandahar und dann Kabul besetzten und ihre Marionette Schah Suja
Saddozai als Emir einsetzten. Doch schon 1842 waren die Eindringlinge
gezwungen, rasch die Flucht zu ergreifen, weil Dost Muhammad
zurückkehrte.
Später, zwischen 1884 und 1886 drangen russische Truppen mit dem Ziel
in Afghanistan ein, einem weiteren britischem Eindringen
entgegenzuwirken. 1887 wurde zwischen den beiden Mächten ein
Protokoll unterzeichnet, in dem die Einflusszonen abgegrenzt wurden.
Fünf Jahre später wurde die sogenannte Mortimer-Durand- Linie
(benannt nach einem britischen Oberst) festgelegt, die die
afghanische Grenze im Südosten bestimmte, wobei weite, von Paschtunen
bewohnte Gebiete zum indischen Reich geschlagen wurden (diese gehören
heute zu Pakistan). Der Emir Abdur Rahman, der 1880 die Macht
ergriffen hatte, führte einen Djihad (Kampf gegen Ungläubige und
Streben nach religiöser Vollkommenheit) mit dem Ziel, alle
paschtunischen Stämme zu vereinigen und die verschiedenen
Minderheiten (TadschikInnen, Hazaras, UsbekInnen, TurkmenInnen,
Nuristani) zu unterwerfen. Nach seinem Tod 1901 wurde das Land im
Rahmen der heutigen Grenzen endgültig vereinigt. Sein Sohn Habibullah
Khan unterzeichnete 1905 einen Vertrag, der Großbritannien eine
diplomatische Vertretung in Afghanistan erlaubte. Russland war 1907
nach seiner Niederlage gegen Japan gezwungen, eine Konvention zu
akzeptieren, in der es darauf verzichtete, Afghanistan weiterhin als
seine Einflusssphäre zu betrachten. Großbritannien hingegen
verpflichtete sich, nicht in die inneren Angelegenheiten des Landes
einzugreifen. Am Hofe von Kabul bemühte sich Nasrullah, der Bruder
des Emirs, das Gleichgewicht zugunsten Russlands zu verändern,
während 1915 türkische und deutsche Gesandte vergeblich versuchten,
ein militärisches Engagement Afghanistans gegen Großbritannien zu
erreichen.

DER "FORTSCHRITTLICHE" EMIR UND DIE RUSSISCHE REVOLUTION
Im Jahre 1919 wurde der Emir Habibullah ermordet. Doch der
"fortschrittliche" Klan der Mohammadzai setzte dessen Sohn Amanullah
Khan als Nachfolger durch. Dieser begann seine Regierungstätigkeit
mit der Verhaftung von Nasrullah und den Neffen Musahiban, die der
Komplizenschaft beim Mord angeklagt wurden. Eine neuerliche Invasion
des Landes durch Großbritannien, das über die
Unabhängigkeitsbestrebungen von Amanullah beunruhigt war, wurde
zurückgeschlagen und im Waffenstillstand die völlige Unabhängigkeit
von Afghanistan anerkannt. Der Emir erklärte in einem Brief an Lenin,
den "ehrenwerten Vorsitzenden der großen russischen Republik", seinen
Willen, sofort diplomatische Beziehungen mit Sowjetrussland
aufzunehmen. Lenin antwortete mit einem Telegramm (vom 27. Mai),
worin er das afghanische Volk zu seinem Kampf gegen die
"ausländischen Unterdrücker" beglückwünscht und ein gegenseitiges
Beistandsabkommen gegen eventuelle Angriffe vorschlägt. Zu diesem
Zeitpunkt scheinen die russisch-afghanischen Beziehungen
ausgezeichnet zu sein; Lenin spielt mehrfach auf die Rolle des Emirs
von Afghanistan an, einem feudalistischen Souverän, der wegen seiner
Oppositionsrolle gegen den britischen Imperialismus eine positivere
Rolle gespielt habe als alle Abgeordneten der Labour Partei in
Großbritannien.
Am 28. Februar 1921 wurde in Moskau ein afghanisch-sowjetischer
Vertrag unterzeichnet. Die beiden Länder verpflichteten sich, für die
Befreiung der Völker des Ostens zu arbeiten und Russland
verpflichtete sich, unter der Bedingung, dass Plebiszite stattfinden,
jene Territorien an Afghanistan zurückzugeben, die im 19. Jahrhundert
unter Zwang an Russland oder Buchara abgetreten worden waren. Die
Eröffnung von fünf russischen Konsulaten in Afghanistan und sieben
afghanischen Konsulaten im sowjetischen Asien wurde von
Großbritannien als ein Deckmantel für subversive Aktivitäten
gegenüber Indien aufgefasst. Doch in Wirklichkeit war von der
sowjetischen Republik keinerlei Kampagne gegen Indien vorgesehen. Der
Historiker Edward H. Carr sollte in seinem berühmten Buch über die
Oktoberrevolution dazu folgenden Kommentar abgeben: "Was an all dem
bezeichnend war, war nicht die Ausweitung der Propaganda für die
Weltrevolution, sondern die Tatsache, dass Sowjetrussland die
traditionelle Rolle Russlands als wichtigster Gegner Großbritanniens
in Zentralasien übernahm."
Die sowjetische Haltung gegenüber Amanullah war von der Überlegung
diktiert, dass, weil in diesem Land keine Arbeiterklasse existierte,
es weder die Möglichkeit noch Notwendigkeit gab eine Kommunistische
Partei aufzubauen. In einem Brief an den sowjetischen Geschäftsträger
in Kabul schrieb Tschitscherin, der Volkskommissar für Äußeres, u.a.
folgendes: "Wir haben den Afghanen gesagt, dass wir keinen Augenblick
daran denken, ihrem Volk ein Gesellschaftsprojekt aufzudrängen,
welches nicht seinem gegenwärtigen Entwicklungsstadium entspricht."
Im übrigen ist festzustellen, dass Amanullah mit seiner eigenen
Initiative im muslimischen Zentralasien mehr bewirkte als die
sowjetischen Kommissare: Es begann eine Masseneinschulung in den
Städten, auch für junge Mädchen; die Zwangsverheiratung der
weiblichen Kinder durch die Eltern wurde abgeschafft, es wurde das
Projekt einer frei gewählten Nationalversammlung ausgearbeitet, die
sich nicht auf die traditionellen Stammeschefs stützte. (Dieses
Projekt hatte keinerlei Ähnlichkeit mit der momentan konzipierten
Versammlung unter Aufsicht der USA und des Westens und schon gar
nichts mit der Rückkehr des greisen König Zahir). Die Frau des Emirs
hatte selbst eine Kampagne gegen den Schleier begonnen und war
unverschleiert in der Öffentlichkeit aufgetreten. Doch es ist
eindeutig, dass das wesentliche Ziel Moskaus die Beibehaltung der
Neutralität des Landes war, welche Sicherheit an einer sehr langen
Grenze garantieren sollte.
Aber die von Amanullah entwickelten Reformen genügten, um die
Gegnerschaft der Mullahs und der konservativen Grundbesitzer
aufzustacheln. Diese betrachteten die Beziehungen mit Moskau mit
Sorgen, sowohl weil die UdSSR Hilfe für öffentliche
Erziehungsprogramme gewährte, als auch weil immer mehr Flüchtlinge
ins Land kamen, die vor den Zwangskollektivierungen flohen (für die
Nomadenbevölkerung bedeutete diese vor allem eine zwangsweise
Sesshaftmachung). Zwischen 1928 und 1932 kamen 500 000 TurkmenInnen,
UsbekInnen, KasachInnen, KirgisInnen und Hazaras über die Grenze,
entweder mit Hilfe von SchmugglerInnen oder aber durch Überqueren des
Flusses Amu-Darja. Oft handelte es sich nicht um Großgrundbesitzer,
sondern einfache BäuerInnen, denen in Gebieten, wo es eine blühende
Garten- und Gemüsewirtschaft gab, mit Gewalt der Baumwollanbau
beigebracht werden sollte und die sich zum Teil gegen
Religionsverfolgungen gewehrt hatten.
Amanullah nahm die Flüchtlinge relativ gut auf und verteilte
unbebauten Boden im Norden des Landes an sie. Aber er wurde bedroht
und schließlich durch die Revolte des Tadschiken Habibullah, genannt
Batscha-e-Saguao ("Sohn des Wasserträgers") gestürzt. Doch diese
Revolte scheiterte schließlich vor allem wegen der im wesentlichen
tadschikischen Zusammensetzung (die TadschikInnen stellen mit 15% bis
25% der Bevölkerung die wichtigste Minderheit, doch sie waren nie in
der Lage, das Land zu einen). Trotzdem musste Amanullah nach Italien
fliehen (wo er 1960 starb). Er wurde durch Nader Schah ersetzt, der
zum Musabihan-Zweig der gleichen königlichen Familie gehörte, der
aber als konservativer eingestuft und zudem verdächtigt wurde, für
den Mord an Habibullah verantwortlich gewesen zu sein. Es scheint,
dass anfangs Teile des sowjetischen Apparates und der Komintern die
Revolte des Batscha- Saquao durchaus günstig beurteilten, weil sie
die Bewegung als bäuerliche Volksbewegung betrachteten. Doch dann kam
Moskau zum Ergebnis, es handle sich um ein britisches Manöver und
entschied Amanullah zu unterstützen. Schließlich gab es sich mit
Nader zufrieden, mit dem 1931 ein Nichtangriffspakt geschlossen
wurde, in dem sich Afghanistan verpflichtete, jede Aktivität von
Flüchtlingen aus der Sowjetunion zu unterbinden. Nader wurde
seinerseits 1933 von der Familie Scharki ermordet, die Amanullah
unterstützt hatte. Im gleich Jahr wurde auch Naders Bruder in Berlin
umgebracht.

DAS REGIME VON ZAHIR (1933-1973)
1933 wurde Zahir Schah, der sich aktuell in Rom im Exil befindet,
Emir. Weil er noch sehr jung war, wurde Haschem Khan gemeinsam mit
seinen Brüdern Schah Maumud und Schah Waili Khan zum Regenten
ernannt. Sie errichteten eine konservative Diktatur. Doch Moskau
beunruhigte sich deswegen nicht besonders: Es genügte, dass die neue
Staatsmacht die Flüchtlinge kontrollierte und Afghanistan neutral
blieb. Dies blieb es auch während des Zweiten Weltkriegs. Erst nach
dem Tod von Haschem Khan 1946 wurde die Diktatur schwächer.
Aus diesem Grund konnte im folgenden Jahr die Organisation Wik-e-
Zalmayan (aufgeklärte Jugend) entstehen, die viele Sympathien
gewinnen konnte, sogar in der alten Stammesversammlung, der Djirga,
einer Art Scheinparlament. Aus dieser Bewegung stammen die Gründer
der Demokratischen Volkspartei Afghanistans (DVPA). Zahir Schah hatte
noch immer wenig zu sagen und die konservativen Elemente wählten
einen "starken Mann", Mohammad Daud, den früheren Chef der Polizei
und Garnison von Kabul und Innenminister, zum Regierungschef. 25
Mitglieder der Wik-e-Zalmayan wurden verhaftet und die ersten
Zeitungen, die mit der geringen Auflage von 1 500 Stück erschienen,
wurden verboten.
Das hinderte die USA in ihrem antikommunistischen Eifer jedoch nicht
daran, Pakistan massiv zu bewaffnen und Afghanistan zu drängen, sich
dem Bagdad-Pakt (CENTO) anzuschließen. Dies drängte den konservativen
Neutralisten Daud zu einer Annäherung an die Sowjetunion, die 1955
ohne Bedingungen einen Kredit über 25 Mio. Dollar und kostenlose
Hilfe bei der Ausbildung von Militärs, vor allem Piloten, anbot.
1963 führte ein brutaler Versuch, neuerlich die Oberhoheit der
Paschtunen über die anderen Ethnien herzustellen, zum Sturz von Daud.
Schließlich übernahm König Zahir, dreißig Jahre nach seiner Ernennung
und zehn Jahre, bevor er von jenem Daud wieder abgesetzt wurde, die
volle Regierungsgewalt.
Im neuen Rahmen einer konstitutionellen Monarchie, wobei die
Verfassung von Daud ausgearbeitet worden war, fanden 1965 freie
Wahlen statt. Die PVPA nahm daran teil und erklärte sich zur
Kommunistischen Partei; sie erhielt 4 der 216 Sitze. Die meisten
Abgeordneten waren alte Mullahs und Stammeschefs, zumeist halbe
Analphabeten. Die PVPA war klein und es fehlte ihr eine Basis im
Volk. Doch sie konnte vor allem unter den in der Sowjetunion
ausgebildeten Offizieren, in der Verwaltung, unter den
GymnasiastInnen in Kabul (wo auch maoistische Kerne entstanden) und
an der Universität (die vom König, der heute als großer Demokrat
hingestellt wird, auf unbestimmte Zeit geschlossen worden war) auf
Unterstützung bauen. Außerdem war die PVPA in zwei Fraktionen
geteilt, die den Namen ihrer jeweiligen Publikationen annahmen, Khalq
(Volk), deren bekanntester Vertreter Nur Mohammad Taraki ist, und
Parcham (Fahne), geführt von Babrak Karmal, die gemäßigtere Fraktion,
die besonders darauf abzielte ihre Macht in der Gesellschaft zu
verstärken. Die beiden Fraktionen bekämpften sich häufig sogar mit
Waffengewalt und schließlich machten ihre Konflikte die Intervention

der Sowjetunion zugleich nötig und aussichtslos.
DER STAATSSTREICH VON DAUD

Nachdem er 1963 an den Rand gedrängt worden war, stützte sich Daud
nun auf den Parcham-Flügel, um seine Revanche vorzubereiten. Der
Parcham-Gruppe, die sicherlich keine leninistische Partei aufbauen
wollte (in ihrem Verständnis also eine stalinistische Partei) war es
nun durch ein Projekt einer breiten nationalen und demokratischen
Front gelungen wichtige Teile der Armee zu gewinnen. Die Militärs
waren zu 80 Prozent Paschtunen, sie gehörten also derselben Ethnie an
wie die Führer der Parcham (die sogar aus den wohlhabenderen
Schichten jener Ethnie stammten).
Statt jedoch die Minderheiten zu respektieren und an ihrer
Integration zu arbeiten, nährte sich die Parcham vom Traum eines
Groß-Afghanistan, das aus der Verbindung mit den paschtunischen
Regionen in Pakistan entstehen sollte. Die Khalq, die eine
pluriethnische Zusammensetzung hatte und eher kleinbürgerlich war,
trat hingegen für eine Autonomie der Ethnien gegenüber dem Regime
ein, wobei die Unterschiede der Nationalitäten anerkannt werden
sollten. Sie erklärte, dass sogar bei einem Sieg der proletarischen
Revolution strikte Neutralität auf internationaler Ebene bewahrt
würde. Dagegen versteckte Babrak Karmal keineswegs seine Absicht,
engere Beziehungen mit der UdSSR, dem "Vaterland des Sozialismus" zu
knüpfen.
Trotzdem zog Daud lieber die Parcham vor um seinen Staatsstreich
durchzuführen: Als Zahir sich aus gesundheitlichen Gründen auf Reisen
im Ausland befand, rief er die Republik aus. Unter der
Komplizenschaft der Parcham wurden pro-westliche Politiker, darunter
der frühere Ministerpräsident Maiwandwal, ermordet. Doch Daud, der
für Afghanistan keine sozialistische Zukunft anstrebte, setzte
schließlich sein auf einer Einheitspartei, der Nationalrevolutionären
Partei, gegründetes Regime durch und wurde ihr Vorsitzender; vier
Ministerposten gingen an Militärs, die mit der Parcham verbunden
waren. Diese wurden jedoch 1975/76 aus ihren Ämtern entfernt, was die
UdSSR alarmierte, die daraufhin die Zahl ihrer Berater zurückfuhr.
Somit scheiterte die Taktik der Parcham, die durch eine "sanfte"
Unterwanderung des Staatsapparates einen Reformprozess im Einklang
mit den alten herrschenden Klassen beginnen wollte. Diese
verweigerten sich jeder noch so kleinen Reform. Im Juli 1975 kam es
im Panschir zu einer ersten Revolte gegen Daud. Diese Ereignisse
stärkten die Khalq-Fraktion in der PVPA. Die UdSSR unternahm mit
Hilfe von pakistanischen und indischen KommunistInnen ihrerseits
große Anstrengungen, um zu einer Wiedervereinigung der beiden
Fraktionen zu kommen, die sich bis 1977 gegenseitig der Mordversuche
und der Komplizenschaft mit dem CIA bezichtigten. Schließlich gelang
es der "brüderlichen Hilfe" aus Moskau, eine Wiedervereinigung zu
organisieren, um danach gemeinsam im April 1978 Daud zu eliminieren.

DER STAATSSTREICH VOM APRIL 1978 UND DIE VERANTWORTUNG DER
SOWJETUNION

Die Absetzung von Daud erfolgte nach zehn Tagen sehr heftiger Kämpfe,
die durch den mysteriösen Mord an einem Gewerkschafter der PVPA, Mir
Akbar Khyber, ausgelöst worden waren; diese Untat wurde sofort der
Regierung angelastet. Der Tag der Beerdigung von Khyber wurde zu
einer großen Demonstration, die in Richtung US- amerikanische
Botschaft zog und sie angriff. Am Ende der Mobilisierungen wurde der
Staatsstreich vollführt: Er war von Leuten wie General Abdul Qadir,
der Daud seinen Aufstieg zur Macht ermöglicht hatte und dann
ausgeschaltet worden war, sehr gut vorbereitet worden. Viele Zeugen,
auch solche in Washington, berichteten, dass der Staatsstreich die
Sowjetunion völlig überraschte. [1] Diese Hypothese scheint fundiert
zu sein, wenn in Rechnung gestellt wird, dass Moskau jahrzehntelang
sich immer um ein gutes Verhältnis zu Afghanistan bemühte, wer auch
immer an der Regierung war, sofern nur die Neutralitätspolitik
garantiert wurde.
Es gibt sehr interessante Zeugnisse über die afghanischen Ereignisse,
die uns von einer überraschenden Quelle zur Verfügung gestellt
wurden, nämlich dem früheren sowjetischen Dissidenten Wladimir
Bukowski, der völlig unerwartet die Möglichkeit bekam, Papiere
einzusehen, die sich in den Archiven der Kommunistischen Partei der
UdSSR befanden. [2] Diesen Papieren zufolge hatte die internationale
Sektion der KPdSU seit 1974 ein sehr negatives Urteil über den
"unmoralischen Kampf", wie er von den Fraktion der PVPA geführt
wurde, abgegeben und empfohlen Daud zu unterstützen. Im März 1979,
als begonnen wurde die Möglichkeit einer Intervention in Betracht zu
ziehen, sagte Ministerpräsident Kossygin: "Sowohl Taraki wie Amin
verschleiern uns die wirkliche Lage. (...) Wir sollten ihnen ohne
Umschweife mitteilen, welche Irrtümer sie begangen haben. Tatsächlich
erschießen sie auch weiterhin alle, die mit ihnen nicht
übereinstimmen, und sie haben fast alle Führer der höheren und
mittleren Ebenen der Parcham umgebracht."
Die These, wonach Moskau vom Staatsstreich vom April 1978 völlig
überrascht worden ist, scheint auch von der Tatsache bestätigt zu
werden, dass Taraki, der als der größte Dogmatiker unter den Führern
galt, an die Macht kam. Bei der erstbesten Gelegenheit, bereits im
Juli jenes Jahres, vertrieb er Karmal, Qadir und andere Führer der
Parcham aus dem Land; diese gingen teilweise in die UdSSR und
teilweise in die Tschechoslowakei ins Exil. Eine breitere Säuberung
wurde durchgeführt, als die übereilt beschlossenen "Reformen" zu
zahlreichen Gegenreaktionen führten. Es kam ziemlich rasch an vielen
Orten zu Aufständen. Mittels des pakistanischen Geheimdienstes
versuchten die USA sich einzumischen. Der Iran unterstützte
seinerseits Bewegungen der schiitischen Minderheit. China half
verschiedenen Gruppen, die sich nur zum Teil auf den Maoismus
beriefen. Im Sommer 1979 wurde eine Einheitsfront der Guerilla
aufgebaut, die angeblich 80 Prozent des Territoriums kontrollierte.
Doch die Konflikte gingen weiter, auch innerhalb der Khalq zwischen
Nur Mohammad Taraki und Hafizullah Amin. Mitte September endeten die
Kämpfe in der Führungsspitze der PVPA-Khalq mit der Ermordung
Tarakis. Amin war nun alleiniger Herrscher, führte aber die gleiche
Politik weiter. Westliche Quellen erklärten ohne zu zögern, die ganze
Sache sei von Moskau inspiriert gewesen, doch die von Bukowski
erwähnten Archivberichte sagen, dass die Sowjets tatsächlich ein sehr
negatives Urteil über Hafi Amin fällten und ihn sogar verdächtigten,
sich in Richtung USA zu bewegen. Ob dieser Verdacht nun berechtigt
war oder nicht - jedenfalls wurde Amins Verhalten gegenüber der UdSSR
denselben Archiven zufolge als "immer stärker falsch und
heuchlerisch" angesehen.

DAS SCHEITERN DER SOWJETISCHEN INTERVENTION
Seit dem März 1979 hatte Taraki noch vor Amin eine Intervention
sowjetischer Truppen verlangt. Doch Moskau weigerte sich aus Angst
vor internationalen Verwicklungen; daher verlangte er die Entsendung
von Kontingenten aus Usbekistan oder Tadschikistan, die in der Lage
waren, eine in Afghanistan gesprochene Sprache zu sprechen und die
man als afghanische Soldaten ausgeben konnte, doch dieser Vorschlag
wurde ebenfalls abgelehnt. Im Dezember jedoch entschlossen sich die
Sowjets, sich Amins zu entledigen, um den gemäßigteren Babrak Karmal
an die Macht zu bringen. Also taten die sowjetischen Führer so, als
hätten sie die ursprüngliche Bitte nun freudig angenommen. Sie
schickten Eliteeinheiten, die auch als Afghanen durchgehen konnten.
Diese sollten angeblich insbesondere "die Sicherheit des
Präsidentenpalastes" schützen. Es bereitete keine Schwierigkeiten, in
den benachbarten angrenzenden Republiken einige Hundert KGB-Leute
aufzutreiben, denen man Vertrauen schenkte. So wurde das Projekt am
29. Dezember 1979 in die Tat umgesetzt.
Sofort nach Ausschaltung des früheren Freundes, der zu einer Gefahr
geworden war, wurden die Spezialeinheiten durch helle Soldaten
ersetzt, die aus Russland, aus der Ukraine und den baltischen Staaten
kamen, und bei denen Sicherheit bezüglich der Immunität gegenüber
einer islamistischen Ansteckungsgefahr bestand. Sie sollten mit den
Rebellen ernsthaft kämpfen, ohne jedoch mit ihnen kommunizieren zu
können. Sie sollten einfach schießen, ohne jeden Versuch einen
psychologischen Krieg zu führen. Daraus ergab sich ein Teufelskreis.
Die demokratischen AfghanInnen waren zermürbt durch die Irrtümer und
die Schrecken der ersten eineinhalb Jahre Herrschaft der PVPA. Sie
begannen zumindest teilweise auf die Seite des Widerstands gegen die
sowjetische Intervention überzuwechseln. Wir müssen hier auch
anmerken, dass viele GymnasiastInnen, die in die Bergdörfer gegangen
waren, um dort eine Alphabetisierung durchzuführen, schon umgebracht
wurden, bevor sie ihre Arbeit beginnen konnten. Was als "Revolution
von oben" begonnen worden war, endete in einem Krieg, in dem die von
außen gekommene Armee überhaupt keine Unterstützung in der
Bevölkerung mehr finden konnte. Darüber hinaus sahen sich die
sowjetischen Truppen - im Unterschied zu den US-AmerikanerInnen in
Vietnam - einem (vom Westen) gut bewaffneten Feind gegenüber, der von
Agenten der CIA, des Mossad und des britischen Geheimdienstes
ausgebildet wurde. Die Vollversammlung der Vereinten Nationen hatte
im Januar 1980 den Einmarsch verurteilt. Der Ausgang stand eigentlich
von vornherein fest.
Es war Gorbatschow, der die Unmöglichkeit eines Sieges im Gelände
festgestellt hatte und die Entscheidung zum Rückzug der sowjetischen
Truppen traf. [3] Er bediente sich dieser Entscheidung auch zur
Untermauerung seiner Entspannungspolitik. Der Rückzug wurde von
symbolischen Gesten vorbereitet; außerdem wurde Babrak Karmal durch
Najibullah, den Chef des Geheimdienstes, ersetzt, der die als
ungeeignet angesehenen Entscheidungen von Taraki, die von dessen
Nachfolgern bestätigt worden waren, wieder rückgängig machte (etwa
die Ersetzung der Nationalflagge durch die rote Fahne oder die
Bezeichnung "Demokratische Republik"). Der Rückzug ging zwischen 1988
und 1989 zu Ende, ohne dass das Regime sofort zusammengebrochen wäre.
Es bekam sogar eine Atempause infolge der bestehenden Konflikte
innerhalb des Widerstandes, der in sich tief gespalten war. Die von
Najibullah gebildete Regierung - zu der seit Juli 1988 auch Minister
gehörten, die nicht den Fraktionen der "KommunistInnen" zuzurechnen
waren, konnte sich bis April 1992 an der Macht halten. Najibullah
flüchtete unter den Schutz der UNO und wurde schließlich 1996 von den
Taliban entführt, die ihn im September 1996 hinrichteten.

DIE SPALTUNG UNTER DEN MUDSCHAHEDDIN UND DER SIEG DER TALIBAN
Nachdem sich die Führer des Widerstandes gegen die sowjetische
Invasion in Kabul festgesetzt hatten, stürzten sie sich in immer
schlimmere Kämpfe untereinander. Es genügt hier, daran zu erinnern,
dass 1993 die Kämpfe zwischen der Regierung Burhanuddin Rabbani (die
es rein formal bis heute gibt) und den Kämpfern der Hebz-i-
Islami-Partei von Gulbuddin Hekmatijar mindestens 10 000
Menschenleben forderten. Hekmatijar verband sich dann mit seinem
alten Rivalen, dem usbekischen General Raschid Dostum, um die
Regierung Rabbani-Massud (Verteidigungsminister) zu stürzen. Diese
Kämpfe führten zur Zerstörung weiter Teile von Kabul.
Im November 1994 erfolgte in der Nähe von Kandahar der erste Angriff
der Taliban, die bis dahin unbekannt waren. Binnen weniger Tage
besetzten sie diese Provinzhauptstadt und bald darauf auch zwei
weitere Provinzen. Im Januar 1995 halfen ihnen 3 000 islamistische
Krieger aus Pakistan, als sie ihren nicht zu stoppenden Siegeszug in
Richtung Hauptstadt begannen: Im Februar hatten sie bereits neun der
dreißig Provinzen besetzt und lagen 25 Meilen vor Kabul, welches sie
ab Oktober 1995 belagerten und bombardierten. Am 26. September 1996
schließlich wurde die Hauptstadt eingenommen. Die Bevölkerung schien
resigniert und sogar erleichtert in der Hoffnung, die neuen
Machthaber würden den blutigen Kämpfen, die nach dem Abzug der
sowjetischen Truppen ausgebrochen waren, ein Ende setzen. Im Februar
des folgenden Jahres besuchte eine Delegation der Taliban die
Vereinigten Staaten, die sowohl auf direktem Wege wie mittels
Pakistan mitgeholfen hatte, dieses entsetzliche Regime zu etablieren.
Zu dem Zeitpunkt der Abfassung dieses Artikels nach der Wende vom 11.
September sind die früheren Freunde nun erbitterte Feinde "der
Zivilisation" geworden. Auf die bedauernswerten AfghanInnen regnet es
wieder einmal Bomben und Hunderttausende, ja Millionen Menschen sind
wieder auf der Flucht, ohne zu wissen, wo sie Unterschlupf finden
könnten. Ihre endlose Tragödie geht also weiter.

Antonio Moscato ist Professor für die Geschichte der
ArbeiterInnenbewegung an der Universität Lecce (Italien),
Mitarbeiter der Monatszeitschrift Bandiera Rossa und Mitglied des
nationalen Politischen Komitees des Partito della Rifondazione
Comunista (Partei der Kommunistischen Erneuerung).
Übersetzung: Paul B. Kleiser

Kasten

Die Bevölkerungszahl Afghanistans wird auf 20 bis 26 Millionen
geschätzt. Seine Fläche beträgt652 kmē.Zwischen 1980 und 1989 sind
mehr als eine Million AfghanInnen als Opfer der sowjetischen Invasion
ums Leben gekommen. Im selben Zeitraum haben zwischen 5 und 7
Millionen als Flüchtlinge das Land verlassen. Die meisten sind nach
Pakistan und in den Iran gegangen. Der Bürgerkrieg nach Abzug der
sovietischen Truppen hat zwischen 15000 und 40000 Opfer gefordert.
Afghanistan ist eines der am wenigsten entwickelten Länder:
schätzungsweise 88% der Bevölkerung sind AnalphabetInnen, das BSP für
1997 ist auf 7,8 Milliarden US-Dollar geschätzt worden, d.h. 323 $
pro Kopf (im Vergleich: USA 1997: 7795,32 Milliarden US- Dollar BSP,
d.h. 29385 $ pro Kopf - allein das Spionagebudget der USA für 1997
betrug 28,8 Milliarden US-Dollar).
Ethnisch wie sprachlich ist die Bevölkerung Afghanistans sehr
breitgefächert: 40% PaschtunInnen (Sprache: paschtu-iranisch); 25%
TadschikInnen (Sprache: darisch-iranisch); 15% Hazaras / Hesoren
(Sprache: persisch-iranisch); 9% UsbekInnen (Turksprache: usbekisch);
TurkmenInnen (Turksprache: turkmenisch): Nuristani (indoarische
Sprache); BaluchInnen (baluchi-iranisch); KirgisInnen (Turksprache:
kirgisisch).
Zahlreiche politische und religiöse Konflikte der Vergangenheit haben
sich auf diese ethnischen Zusammenhalte gestützt.
##### Fußnoten #############################
[1] Einige behaupteten, die Ermordung von Khyber sei von Moskau mit
dem Ziel die beiden Fraktionen der PVPA zusammen zu Mobilisierungen
zu zwingen, um Dauds Drohungen Stand halten zu können, in Auftrag
gegeben worden. Vgl. zu diesem Thema den Artikel von Jean-Charles
Blanc in der Sondernummer von Les Temps modernes vom Juli/August
1980, dem wir eine Reihe von hier aufgeführten Informationen
entnommen haben.
[2] Vgl. Wladimir Bukowski, Gli archivi segreti di Mosca, Mailand
(Spirali) 1999; dieses Buch ist wegen seiner antikommunistischen
Tendenz ein ziemliches Machwerk, doch es enthält faktenreiche
Dokumente.
[3] Nach offiziellen Quellen erlitt die sowjetische
Interventionsarmee sehr schwere Verluste: 13 310 Tote und 35 478
Verletzte, von denen viele für ihr Leben verstümmelt sind.
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