| 23.3.2002 | Rüdiger Göbel | JungeWelt |
| Information Warfare |
| Die mediale Kriegsführung der NATO. Ein
»Insider« berichtet Die Medien sind im Krieg fester Bestandteil der psychologischen Kriegsführung, ebenso bei der Vorbereitung einer Aggression. Legendär schon ist der Brutkasten-Coup amerikanischer Public-Relations-Agenturen im Vorfeld des Irak-Krieges vor elf Jahren, »Hufeisenplan« und »Racak-Massaker« im Kosovo gehören zu den antiserbischen Salven aus den geistigen Waffenkammern der NATO im Jahr 1999. Drei Jahre liegen die Angriffe der NATO auf Jugoslawien zurück. Zeit genug, Bilanz zu ziehen, dachte sich so mancher Krieger. In seinem Fachbuch zur Öffentlichkeitsarbeit der westlichen Militärallianz fragt Walter Jertz: »Wieviel Wahrheit verträgt die Öffentlichkeit?« Der deutsche Generalmajor referiert über den »Krieg der Worte« und die »Macht der Bilder«. Freimütig erzählt er, wie beim »Medienfeldzug« und »Informationskrieg« vor zwei Jahren die NATO »Bilder als Waffe« eingesetzt hat. Der 51jährige Militär stand NATO-Sprecher Jamie Shea während des Krieges gegen Jugoslawien bei den täglichen Pressekonferenzen in Brüssel zur Seite. Das Buch ist so langweilig geschrieben wie Jertz in Brüssel im Frühjahr 1999 in die Kameras der Weltmedien blickte, für diejenigen aber von Interesse, die einen Einblick in die »Pressearbeit« der NATO erhalten und das ein oder andere neue Kriegsbild aus NATO-Quelle sehen wollen. »Im Kosovo-Konflikt informierte die NATO mit angezogener Handbremse. Erleichtert wurde ihr in den ersten acht Kriegswochen die restriktive Informationsführung durch den Umstand, daß sie Serbien n u r aus der Luft angriff«, so Jertz. Die Korrespondenten seien stärker denn je auf die Angaben angewiesen gewesen, die ihnen die NATO-Sprecher in Brüssel vermittelt hätten. Grundsatz der täglichen Briefings im Hauptquartier war die von Margaret Thatcher im Jahr 1982 geprägte Faustregel: Sag nicht mehr, als du unbedingt mußt, und sage nur das, was dir auch dient. Und so hat die NATO die »Erfolge« der Piloten gezeigt, »ihre Präsizision, ihre Treffer, aber kaum Fehlschüsse und Schäden an zivilen Einrichtungen«, wie Jertz schreibt. Nachhaltiges Problem für die NATO war die Tatsache, daß in Jugoslawien während der Bombardierungen über 1000 ausländische Journalisten akkreditiert waren und diese sowie das serbische Fernsehen RTS die andere Seite der angeblich chirurgischen Schläge zeigten: die Toten und Verletzten innerhalb der Zivilbevölkerung, Treffer in Wohngebieten und Krankenhäusern. »Da vor allem die serbische Propaganda stets den Wettlauf mit der Zeit gewann - die serbische Presse war zwangsläufig als erste am Ort des Geschehens - mußten Wege gefunden werden, um diesen Nachteil auszugleichen. Der serbischen Propaganda mußte auf jeden Fall wirkungsvoll begegnet werden, um einen Stimmungsumschwung in der westlichen Welt zu verhindern«, erklärt Jertz, bemängelt aber, daß die in Brüssel der Presse präsentierten Fotos von Aufklärungssystemen der NATO »zu klinisch rein« waren. Am 23. April 1999 schließlich entschied sich die NATO für Radikalzensur und bombardierte die RTS-Zentrale in Belgrad bei laufendem Programm. Damit wurden auch die Bildübermittlungsmöglichkeiten ausländischer Fernsehteams beschnitten. Kurz darauf unterbanden die Betreiber von Eutelsat schließlich die internationale Satellitenausstrahlung des serbischen Programms. Im Fall Afghanistan gibt das US-Verteidigungsministerium Millionen von Dollar aus, um zu verhindern, daß Satellitenfotos über die Auswirkungen der Angriffe am Hindukusch an die Öffentlichkeit gelangen. Das Pentagon hat kurzerhand die Exklusivrechte für alle Afghanistan-Bilder des zivilen Satelliten Ikonos gekauft. Der von der Firma Space Imaging betriebene Satellit soll in der Lage gewesen sein, scharfe Bilder von Zerstörungen und Todesopfern der Bombenangriffe zu liefern. Washingtons tägliches Ärgernis Al Dschasira, jener arabische TV-Sender mit eigener Crew in der afghanischen Hauptstadt, wurde im Rahmen der »information warfare« wie RTS in Belgrad kurzerhand per Bombenangriff ausgeschaltet. * Walter Jertz: Krieg der Worte, Macht der Bilder. Manipulationen oder Wahrheit im Kosovo-Konflikt. Bernard & Graefe Verlag, Bonn 2001, 140 Seiten und 36 Farbtafeln, Fotos und Graphiken, 24 Euro |