Immer noch »uneingeschränkte Solidarität«, Herr Schröder?

Mit einer dramatischen Änderung und Ausweitung der Atomwaffen-Politik bereitet
die US-Regierung den Einsatz von Nuklearwaffen vor. Neuartige Mini-Atombomben
sollen Höhlenverstecke zerstören, sieben Länder müssen im Kriegsfall mit
verheerenden Atomangriffen rechnen. Schon in den nächsten Monaten sollen
entsprechende Tests beginnen.

Selten hatte ein Papier soviel Brisanz, wie der am 9. März 2002 von der Los
Angeles Times aufgedeckte Geheimbericht des Pentagon. Darin vollzieht die
US-Regierung einen fundamentalen Schwenk, die Abkehr von der
Abschreckungsdoktrin des Kalten Krieges: Atomwaffen sollen nicht mehr nur als
strategisches Abschreckungspotential wirken, sondern in Zukunft gezielt in
regionalen Konflikten zum Einsatz kommen.

Sieben Staaten müssen sich auf das Schlimmste gefaßt machen. Sie werden in dem
Bericht als Gegner Amerikas ausdrücklich benannt und sollen im Kriegsfall mit
Atomwaffen beschossen werden. Darunter ist die »Achse des Bösen«, der Irak,
Iran und Nordkorea, aber auch Libyen, Syrien und die Großmächte Rußland und
China.

Atombomben auf bin Laden?

Doch damit nicht genug: Die US-Militärs sollen Mini-Atombomben entwickeln, mit
denen die Amerikaner dann Höhlensysteme zertrümmern wollen, in denen sich der
Terroristenführer Osama bin Laden versteckt halten könnte oder der irakische
Diktator Saddam Hussein. Es wurmt die Generäle, daß sie trotz modernster
Waffen und eines milliardenteuren Feldzuges noch immer nicht die Köpfe ihrer
Gegner in den Händen halten. Immer wieder haben amerikanische Militärexperten
den Einsatz von Nuklearwaffen zur Zerstörung der unterirdischen Anlagen in
Afghanistan und im Irak diskutiert. Die gewaltige Vernichtungskraft würde
dafür sorgen, daß die Verstecke weitaus schneller - und billiger - zu
zerstören wären als mit konventionellen Waffen.

Der Planungsbericht mit dem nüchternen Titel »Nuclear Posture Review« wurde
bereits am 8. Januar dem Kongreß zugeleitet, war aber bisher geheim
geblieben. Unterschrieben von dem US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld
leitet es in kaltblütiger Militär-Sprache eine äußerst gefährliche
Entwicklung ein: Sie macht Atomwaffen zum Bestandteil des
Anti-Terror-Arsenals, wie etwa die Super-Bombe »Daisy Cutter«, die größte
konventionelle Bombe der Welt. Atomraketen, Atomgranaten und lasergesteuerte
Nuklear-Mini-Bomben gehören plötzlich zum taktischen Schreckenskabinett der
US-Militärs.

Das US-Verteidigungsministerium drängt die Wissenschaftler und Rüstungskonzerne
zur Eile: Rasch sollen sie in den nächsten Monaten die neuen Waffen
entwickeln. Das Pentagon-Papier fordert die Entwicklung von Atomsprengsätzen,
die weniger "Kollateralschäden" anrichten als herkömmliche Nuklearwaffen.
Konventionelle Cruise Missiles sollen umgebaut werden, so daß sie auch
kleinere Atomsprengköpfe tragen können. Daß die wendigen Flugraketen in der
Vergangenheit immer mal wieder vom Kurs abkamen und fernab des Ziels
aufschlugen, scheint die Militärs nicht zu stören.

Tests schon im nächsten Monat

Schon im nächsten Monat sollten Versuche beginnen, so empfiehlt der Bericht,
bei denen Nuklearköpfe auf konventionelle Bomben montiert werden sollten.
F-35 Kampfflugzeuge sollen so umgerüstet werden, dass sie die neuen
Atomwaffen tragen können. Amerikanische Geheimdienstler und Militärs sollen
geschult werden, damit sie die neuen Waffen vom feindlichen Boden aus genauso
dirigieren können, wie die Bomben während des Afghanistan-Krieges.

Die neue Strategie ist die Konsequenz aus der Tatsache, daß nicht mehr eine
Supermacht der größte Feind der Vereinigten Staaten ist, sondern irgendwelche
»Terrororganisationen« aus den ärmsten Ländern der Erde. In der schrägen
Logik der Bush-Krieger führt dies offenbar dazu, daß Atomwaffen nun auch
gegen diese neuen Feinde eingesetzt werden sollten. Sie sind damit nicht mehr
die letzten Waffen in einem fürchterlichen Konflikt der Großmächte, deren
verheerende Wirkung einen solchen Krieg gerade verhindern sollte.

Ein Atomkrieg, so schreiben die Pentagon-Autoren, soll an drei Bedingungen
geknüpft sein:

Angriffsziele können mit herkömmlichen Waffen nicht bekämpft werden, die USA
werden mit atomaren, biologischen oder chemischen Waffen angegriffen oder es
entwickelt sich »eine überraschende militärische Lage«.

Das Papier spricht von einer neuen Triade, bestehend aus offensiver Schlagkraft
(nukleare und konventionelle Angriffswaffen), Verteidigungsarsenal (etwa die
Raketenabwehr) und einer flexiblen Rüstungs-Infrastruktur, die den raschen
Bau und die Tests von Mini-Nuklearwaffen möglich machen soll.

Mit Atombomben zur Neuen Weltordnung?

Der Bericht offenbart nicht nur das Denken eiskalter Nuklearstrategen, sondern
auch die Sichtweise einer Administration, der offenbar die Folgen ihres
Handelns außerhalb der us-amerikanischen Grenzen völlig gleichgültig sind.
Denn mit Sicherheit werden über kurz oder lang nicht nur USA diese Waffen
besitzen. Auch junge Nuklearmächte wie Pakistan und Indien werden sich mit
entsprechender Technik ausrüsten - und sie ebenso skrupellos wie die USA zum
Einsatz bringen.

Der Pentagon-Bericht nennt ausdrücklich regionale Konflikte wie den
Nahost-Krieg, einen Angriff Nordkoreas auf den Süden der Halbinsel oder einen
Übergriff Chinas auf Taiwan als Auslöser für Atomschläge. Was wird bei
solchem Vorbild beispielsweise Pakistan und Indien davon abhalten können, im
Kaschmir-Konflikt ebenfalls Mini-Atombomben einzusetzen?

So könnte, sollte Bush nicht gestoppt werden, der kalte Krieg nach kurzer
Friedensphase in ein Zeitalter der Nuklearkriege münden. Despoten werden sich
mit den Mini-Bomben bewaffnen, selbst Terroristen könnten sie weitaus rascher
in die Hände bekommen als die gewaltigen Nuklearwaffen der ersten Generation.

Als »Dynamit« bezeichnet denn auch laut Los Angeles Times der
Atomwaffen-Experten Joseph Cirincione von der »Carnegie Endowment for
International Peace«, einer »Denkfabrik« (»Think-Tank«) in Washington, das
Papier. Sollten die mörderischen Waffen wirklich zum Einsatz kommen, wären
Krisengebiete wie Afghanistan bald von Strahlung verseucht und damit
unbewohnbar. Flüchtlingsströme ungeahnten Ausmaßes würden sich in Bewegung
setzen. Die Dritte Welt würde nicht nur soziale Wüste bleiben, sondern in
weiten Teilen in eine Nuklearwüste verwandelt werden.

Das Ministerium und sogenannte Verteidigungsexperten halten dem entgegen, die
USA müßten sich auf alle möglichen Angriffe vorbereiten. Wer die USA
angreife, müsse mit dem Schlimmsten rechnen, ob es sich dabei nun um eine
Großmacht oder um eine Terrororganisation handele. Jack Spencer, ein Experte
für Verteidigungspolitik an der Heritage-Stiftung in Washington, sagte der
Los Angeles Times, der Inhalt des Berichtes überrasche ihn nicht. Dargestellt
werde lediglich »die richtige Art und Weise, eine Nuklearpolitik für die Welt
nach dem kalten Krieg zu entwickeln«.



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