aus Nr. 32/2002 KENT DEPESCHE Hinz Verlag Stuttgart • info@sabinehinz.de • www.sabinehinz.de
VOM SAULUS ZUM PAULUS?
Mit welchen Tricks die oben beschriebenen „Meister des Tren-nens" arbeiten, wie sie also Verbindendes verhindern und Trennendes fördern, welche Motive sie verfolgen und welche finstere Methoden sie benutzen, zeigt uns ein brandneues Buch auf, das gerade erst vergangene Woche erschienen ist, ein Buch, gegen das eine Bombe wie ein Kinderspielzeug erscheint, ein Enthüllungsbuch, das dermaßen heiß ist, das man es mit Handschuhen liest, und so brisant, dass ich mir nicht vorstellen konnte, dass es so etwas jemals geben könnte. Fast noch atemberaubender ist jedoch, von WEM es geschrieben wurde.
Renate Hartwig galt einst als schärfste Kritikerin der Scientology. Wandelte sie sich nun vom Saulus zum Paulus? Oder ist ihr neuestes Buch nur eine zwingende Konsequenz der hinter den Kulissen ablaufenden Betrügereien, Korruptionen und Mißstände?
In ihrem Buch beschreibt Hartwig detailliert, wie sie Stück für Stück erkennen musste, dass es in Sachen „Sekten" niemals um Aufklärung
ging, sondern immer nur um „höhere Kompetenzen, gesicherte Existenzen, und bessere Einflussmöglichkeiten, also um Macht und Geld." Sie schreibt: »Auf einer dieser immer wiederkehrenden Sektentagungen schnappte ich im Vorbeigehen einen gedankenlos daher-gesprochenen Satz einer Mitarbeiterin eines Sektenbeauftragten auf: 'Bloß gut, dass wir die Scientologen haben. Damit ist auf jeden Fall mein Job gesichert!' Ich blieb wie angewurzelt stehen und es beschlich mich wieder dieses Gefühl: Irgend etwas habe ich übersehen.«
Natürlich meinen böse oder auch nur skeptische Zungen jetzt: Sie wurde gekauft, erpresst, bestochen - oder es fiel sogar schon die Äußerung, sie haben inzwischen wohl einen Liebhaber, der Scientologe sein müsse. Doch alle, die das behaupten, haben das Buch nicht oder zumindest nicht aufmerksam gelesen. Für mich ist es authentisch und schlüssig nachvollziehbar - vor allem ihre wichtigste Erkenntnis ist für uns schon ein alter Hut: Den vorgeblichen Rechtsstaat gibt es in Deutschland nicht, es handelt sich um eine bloße Inszenierung!
Hartwig rechnet dann auch gnadenlos mit Sektenbeauftragten, kirchlichen „Sektenexperten", Ver-braucherschutzorganisationen, gesteuerten Elterninitiativen, dem Staat und den Kirchen ab: »Es gibt ein Feindbild, einzelne Gewinner und eine Menge Verlierer. Die Politiker benutzten das Thema zu Wahlkampfzwecken. Kirchliche Sektenbeauftragten festigten ihr Glaubensmonopol. ... Der Verlierer: Der demokratische Rechtsstaat und seine Steuer zahlenden Bürger.«
Doch das meiste Fett bekommt der Verfassungsschutz ab, den sie geringschätzig als die „Schlapphüte aus Köln" bezeichnet. Unmissver-ständlich beschreibt sie, wie sie vom Verfassungsschutz als Lockvogel und Lokomotive für einen Feld
zug missbraucht wurde, um Planstellen zu erhalten. Sie schreibt: »Aus der Distanz und völlig ohne Emotion, lag es wohl an meinem eigenen Verhalten und an meinem Temperament, dass man mich in dem Stück „Inszenierter Rechtsstaat" für eine gezielte Rolle avisierte. Das Casting (die Besetzung) fand statt, ohne dass ich davon erfuhr.«
Sie spricht deutlich aus, von wem sie „besetzt" wurde: »Der Verfassungsschutz ist arm dran. Ihm geht die Kundschaft aus. Im verzweifelten Kampf gegen Bedeutungslosigkeit muss er sich neue Feinde schaffen. Der Umgang mit Scientology ist ein typisches Beispiel.« — was mich ein wenig an den alten Witz erinnert: „Wer heiratet, kann sich die Probleme teilen ..., die er vorher nicht hatte" (sprich „Wer einen Verfassungsschutz hat, kann die Probleme lösen, die er vorher nicht hatte"). Auch die Autoren Knütter und Winckler widmeten diesem Sachverhalt ein ganzes, kritisches Buch, mit dem Titel: „Der Verfassungsschutz: Auf der Suche nach dem verlorenen Feind".
Dies trifft den Nagel auf den Kopf, denn was dürfen wir von einer nach dem kalten Krieg überflüssig gewordenen Behörde anderes erwarten? Einer Behörde, die noch dazu vorgibt, etwas zu schützen, das nicht existiert: Deutschland hat keine Verfassung!! Nur ein ersatzweises Grundgesetzchen. Warum heißt die Behörde dann eigentlich nicht „Grundgesetzschutz"? Vielleicht deshalb, weil das GG seit 1990 nicht mehr gültig ist? Entschuldigung, war nur eine Frage!
„Dem Verfassungsschutz ging die Kundschaft aus.« Deshalb sollte die Behörde vor einigen Jahren auch empfindlich verkleinert werden. Doch begegnete man dort der drohenden Schrumpf-Gefahr auf schlaue Weise und erfand flugs neue vermeintliche „Bedrohungen"
von rechts, von außen, von innen usw. - vor der man die Gesellschaft dann „beschützen" konnte: Anhand des kürzlichen, überaus peinlichen Skandals erfuhren wir ja, dass jede siebte Führungskraft der NPD auf der Lohnliste der Schlapphüte stand. Doch damit nicht genug: Jetzt flog weiter auf, dass sogar die „ach so gefährliche" neonazistische Musikszene durch Verfassungsschutzbeamte getragen und sogar aktiv gefördert wurde (www.junge-welt.de/2002/08-15/009.php).
Wie mir ein Leser vor wenigen Tagen telefonisch mitteilte, habe er selbst miterlebt, wie ein kürzlich im Fernsehen hochgespielter „Ausländerskandal" in den neuen Bundesländern erst dadurch zum selben wurde, dass man mittellosen Ost-Jugendlichen etliche Büro anbot für das Ausrufen zweier verfassungsfeindlicher Wörter zur Glorifizierung eines verstorbenen Politikers
— vor laufender Kamera natürlich!
NPD, Ausländerhatz, rechte Musikszene - selbst inszeniert? Kann diese Schande noch übertroffen werden? Definitiv ja! Denn das atemberaubende Buch von Renate Hartwig setzt all dem die Krone auf: Es zeigt in zahllosen konkreten Einzelbeispielen eben so detailliert wie spannend auf, dass es in Sachen „Sekten" um das Schaffen einer künstlichen Bedrohung ging, um damit Geld aus dem Steuerbrunnen abzuschöpfen.
Wie weit man dabei zu gehen bereit war, macht folgendes Beispiel klar: Maßgeblich zu Hartwigs einstiger Ablehnung der Scientolgy trug damals ein Umstand bei, den sie auch als Hauptaufhänger und Schocker auf der Titelseite ihres ersten sektenkritischen Buch verbriet: Eine gewisse Anita S., die sich selbst als hochrangige Scientology-aussteigerin bezeichnete - so schreibt Hartwig noch in ihrem ersten Buch - sei von den Scientologen beauftragt worden, die Kritikerin
mittels Autobombe ins Jenseits zu befördern. Ein Skandal? Wie sich jetzt herausstellt ja: aber nicht ein Scientology-Skandal, sondern ein Verfassungsschutzskandal.
Damals schon konnten die Scientologen nachweisen, dass Anita S. nie mit Scientology in Verbindung stand. Hartwig geht nun noch einen Schritt weiter: Sie meint heute, dass ihr Anita S. mitsamt ihrer Mord-Märchengeschichte von Anfang an durch Sektenbeauftragte und Verfassungsschutzagenten gezielt zugespielt wurde, um ihr (a) einen „guten Fall an die Hand zu geben", (b) ihre Wut auf bzw. ihre Angst vor den Scientologen zu schüren und (c) mit dieser erfundenen „Straftat" einen „Grund" für die geplante Beobachtung der Scientologen durch den Verfassungsschutz bereitzustellen.
Hartwig schreibt, dass sie sich mitten in einem Spiel befunden habe -nur habe sie damals die Spielführer verwechselt. „Besser eine späte Erkenntnis als keine", könnte man nun lapidar äußern, doch das wäre nicht gerecht. Denn dass es Renate Hartwig gelang, sich überhaupt aus dem Netz der Schattenspieler zu befreien und ihre Lügennebel zu durchdringen, stellt eine anerkennenswerte Leistung dar - mag man zu ihr stehen, wie man will.
Und es gehört auf alle Fälle eine tüchtige Portion Mut dazu, es mit dem Verfassungsschutz aufzunehmen. Schon etliche andere gab es vor ihr, die sich weniger erfolgreich auf kritische Weise mit dem Verfassungsschutz anlegten. Einer, der noch relativ gut dabei wegkam, lebt heute in Südafrika, nachdem er zuvor in lächerlicher Manier als „Rechtsradikaler" verschrieen wurde. Ich spreche von Dr. Claus Nordbruch. Sein Buch „der Verfassungsschutz - Organisation, Spitzel, Skandale - Deutschland auf dem Weg zum Großen Bruder" ist „seltsamerweise" nicht mehr erhältlich.
Ich kann jedermann nur empfehlen, Hartwigs „Krimi-Sachbuch" zu lesen, einfach, weil es aufzeigt, wie Menschen gegeneinander aufgehetzt werden, wie die Schattenspieler im Hintergrund Zwietracht sähen, um Pöstchen, Moneten und Macht zu gewinnen.
VORGEBLICHE VOLKSSCHÜTZER
Generell ist die Methode, eine Gefahr oder ein Problem zu erzeugen, vor dem man den dummen Pöbel dann „schützen" kann, nicht besonders neu. Schon der sog. „Mieterschutzbund" war beispielsweise 1975 maßgeblich daran beteiligt, die neuen erweiterten Kündigungsschutzgesetze durchzuboxen, exakt jene Gesetze, die ein paar Jahre später für den größten Wohnungsmangel sorgten, weil die Eigentümer abbezahlter Wohnungen (der preiswerten Mietwohnungen also) - vom Gesetz benachteiligt — schlichtweg die Schnauze vom Vermieten voll hatten und ihre Wohnungen lieber leer stehen ließen. So akquirierte sich der Mieterbund Zehntausende von Beratungsfällen in Rechtsangelegenheiten. Mehr dazu, wenn wir die Wohnungssucherserie in der Depesche abhandeln.
Und auch eine Verbraucher-„Schutz"-Stelle in Bildungsfragen kommt in Hartwigs Buch nicht gerade glimpflich davon: gekaufte Gutachten, horrende „Honorare" für „Sektenberatung", Ablasshandel („wir bestätigen hiermit, dass diese Firma nicht zur Sekte XY gehört") und zu Wucherpreisen verkaufte schwarze Listen mit den Namen von „Sekten"-Angehörigen.
Auch unsere lieben Damen und Herren Volksvertreter versorgen uns laufend mit exakt jenen Problemen, mit deren Lösungsversprechen sie dann wiederum auf Stimmenfang gehen. Wie drückte es ein Gast, der mich eben besuchte, so nett aus? „Leute, die glauben, dass Volksvertreter das Volk vertreten, glauben auch, dass Zitronenfalter Zitronen falten."
Wenn uns bei all diesen Skandalen noch nicht schlecht genug geworden ist, haben wir noch die Möglichkeit, einen Blick auf die Psychiatrie zu werfen, welche die „Geisteskrankheiten" erst erfinden muss, die sie dann anschließend nicht heilen kann. Und viele weitere Bereiche ließen sich noch aufzählen. Es scheint dem Charakter des „Volksschützers" innezuwohnen, dass er
nicht weiß, vor wem die Bevölkerung eigentlich geschützt werden müsste. Um Spiegel macht er wohl einen weiten Bogen.
Obskure Machenschaften in Deutschland - so kann man den Inhalt dieses Buches beschreiben. Es liest sich wie ein Thriller, der sich fernab unseres Landes abspielen könnte. Doch es findet mitten unter uns statt, das Schauspiel des »inszenierten Rechtsstaates« im Haus der Demokratie.
Das Stück in mehreren Akten zeigt Hauptdarsteller als Heuchler und Pharisäer am Steuertrog. Hinter den Kulissen agieren Schattenspieler verschiedener Couleur. Wir Bürger sind die zahlenden Dummen und keiner nimmt wahr, was hier geschieht. Vielleicht denkt der eine oder andere Zuschauer dieser Inszenierung „das ist ja ein grausiges Stück", bleibt aber stumm sitzen und zahlt weiter. Genau dieses Vorgehen weckte das Interesse von Renate Hartwig, Publizistin und mehrfache Bestseller-Autorin.
Sie gilt als engagierte und kenntnisreiche Referentin zu Brennpunkten in Wirtschaft und Gesellschaft. Sie hat sich jahrelang mit dem Phänomen Scientology auseinandergesetzt. Sie wollte eine Klärung erreichen, und wurde, ohne es zu wissen, zum Spielball und Lockvogel für den Verfassungsschutz. Sie vertraute diesem Rechtsstaat und plädierte für mehr Engagement des Einzelnen. Nun hat sie nach jahrelangem Einsatz und durch investigative Recherchen
Renate Hartwig
DIE SCHATTENSPIELER
392 Seiten direct verlag ISBN 3-935264-02-1 18,00 Euro
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Sabine Hinz
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erschreckende Hintergründe demaskiert, die ihr nun das Fürchten vor diesem Rechtsstaat lehrten. Offizielle Stellen, Pfarrer und Geheimdienste spielen in diesem Stück eine dubiose Rolle. Auf der Suche nach Klärung kam sie denen auf die Schliche, die man nie dahinter vermuten würde.
Dass sie sich mit ihrer Offenheit bei vielen unbeliebt macht, konnte sie nie daran hindern, mit ihren Beweisen an die Öffentlichkeit zu gehen. Renate Hartwig zeigt auf, weshalb der Wirtschaftsstandort Deutschland in Europa und den USA in Verruf geraten ist. Mehr und mehr Grauzonen, die zur Selbstverständlichkeit werden. Aus-grenzung, Boykottaufrufe und gezielte Rufmordkampagnen zeigen die dunkle Seite eines Machtapparates, von dem niemand etwas ahnt. Ein Skandal mitten unter uns, der sich bisher ungehindert ausbreitet und nicht nur zu einer Flut von Verfahren gegen deutsche Unternehmen vor dem europäischen Gerichtshof führen kann. Der Rechtsstaat hat mit Unrecht zurückgeschlagen, das ist der eigentliche Skandal. Konfrontation mit Fakten ist für die Autorin stets der Beginn zur Diskussion, in der sie als Pragmatikerin nie stehen bleibt. Deshalb wollte sie auch nicht sagen -es langt, ich gehe von der Bühne -Hartwig wäre nicht Hartwig -wenn sie nicht öffentlich zurechtrücken würde, was schiefgelaufen ist.