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Ein
Sommermärchen für Kinder von fünf bis
fünfundachtzig Jahren von Baldur
Springmann Wenn
das so weiter geht, daß zur Förderung von Kultur
und Natur berufene Ministerinnen schon die
kleinsten Kinder vor jene Apparate setzen wollen,
welche der Loslösung von unmittelbaren
Naturgesetzen und der Verhaftung an virtuelle
Scheinwelten dienen, denn werden diese Kinder wohl
außer dem Staunen über die Schönheit und Weisheit
der Schöpfung auch bald das Staunen über die
Weisheit der Märchen nie gelernt
haben. Dieses
Staunen, das eine völlig andere Qualität und
Wirkung hat als der aus dem Computer flimmernde
Fanatismus für "high tech". Dieses Staunen, das
sich heute nur noch wenige Menschen aus ihrer
Kindheit bis in das hohe Alter bewahrt haben.
Dieses Staunen, aus welchem eher ein Verständnis
für das Wesen der Naturzusammenhänge erwachsen
kann als aus einseitiger mechanistischer
"Naturwissenschaft". Dieses Staunen, welches
gleichermaßen eher zum Verständnis des
Menschenwesens beitragen kann als alle analytische
Psychologie. Also
ist es bald endgültig aus mit dem Staunen und den
Märchen und all dergleichen? Glücklicherweise weiß
kein noch so berühmter Prophet, wenn sich so etwas
andeutet, ob das dann auch immer so weiter geht.
Auch die "wissenschaftlichen" Zukunftsforscher
können mit ihrem Anlegen von Tangenten an
Gegenwartskurven manchmal völlig daneben zielen.
Also können wir getrost denken, daß es in tausend
Jahren trotz der heutigen Hybris der Globalisierer
und Gewissenlosigkeit der Genklempner noch Leben,
sogar auch noch Menschenleben auf diesem Planeten
geben wird, den die dann vielleicht noch oder
wieder "Mutter Erde" nennen werden. Wenn
sie das tun, dann werden bei ihnen auch wieder
Märchen erzählt werden. Märchen, in denen auch
wieder Gespenster vorkommen werden, Drachen,
Riesen, Zwerge, Hexen, andererseits aber auch
Prinzessinnen, tapfere Ritter, kluge Schafhirten.
Und all dieses Märchenhafte wird mit ganz
gewöhnlichen Vorkommnissen und ganz gewöhnlichen
Menschen derart vermischt sein, daß staunende
Kinder beim Zuhören ganz von selbst eine Ahnung
bekommen vom eigentlichen Wesen des Geschehens in
der Natur und des Handelns der Menschen.
Es
ist also erlaubt, sich auszudenken, daß solch ein
Märchen sich in tausend oder mehr Jahren
vielleicht so anhört: Einstmals,
vor langer, langer Zeit gab es einmal einen
Sommer, in dem die Wettertrolle einen großen Sieg
über die guten Wetterfeen errungen hatten um sich
ungehemmt mit all ihren Verrücktheiten besonders
über einem Land auszutoben, das sie sich extra
dazu ausgesucht hatten. Welch Wunder, daß all
diese Wetterverrücktheiten den Menschen dort unter
die Haut gingen und also noch manches andere
Verrückte bei ihnen geschah. Zu
solchen Seltsamkeiten war das Trollenwetter aber
nicht der einzige Anlaß, sondern manches dazu
hatte sich schon zuvor angebahnt, manches schon
vor abermals langer, langer Zeit. Da war es
nämlich in diesem besonders schönen Land so
gewesen, daß die meisten Menschen noch ganz
deutlich das Trollenhafte und das Feenhafte, das
Häßliche und das Schöne zu erkennen und zu
unterscheiden wußten, wie es ja nun einmal im
Wetter, in der ganzen Natur und natürlich auch in
der Menschennatur vorkommt. Damals
wußten sie auch noch völlig sicher, daß wir
Menschen dazu da sind, dafür zu sorgen, daß
letztlich doch immer das Feenhafte den Sieg behält
über das Trollenhafte hier auf unserer wunder-
wunderschönen Mutter Erde. Deswegen wählten sie
auf ihren Things solche, von denen besonders viel
Gutes und Schönes ausstrahlte, zu ihren Königen
und Richtern. Weil man solch einen inneren Adel
jener damaligen Edlen kaum mit Worten beschreiben
kann, suchten sie sich ein Wahrzeichen dafür und
fanden es auch leicht in dem König der Vögel, der
ja wegen seines Adels "Adler" hieß. Dieses
Symbol nun hatten die Leute jenes Landes aus jenen
alten, alten Zeiten her immer noch als ihr Wappen
bewahrt, obwohl viele von ihnen dessen Bedeutung
überhaupt nicht mehr verstanden. Und das hatte
seinen Grund nicht etwa darin, daß sie dummer
waren als ihre Vorfahren, sondern darin, daß sich
außer den seit eh und je wirksamen Trollen- und
Feenkräften ein ganz und gar fremdartiges Gespenst
aus fernen Landen eingeschlichen hatte, - etwas,
das von der Natur dieses Landes und dieser Leute
her eigentlich überhaupt nicht bisher
paßte. Es
war ein geduckt und heimlich-schleimiges
kriechendes Ungeheuer, das es leider seither immer
noch hier gibt, das mit einem langen spitzen
Stachel ein solches Gift in Menschenherzen
spritzen kann, daß die davon angesteckten Menschen
allmählich selbst zu solchen Giftspritzern werden.
Und das besondere an diesem Gift ist, daß es eine
fast unstillbare Gier zur Vernichtung alles
adlerhaft Edlen erzeugt. Dieses
Ungeheuer also mit dem häßlichen Namen "Haß" hatte
im Laufe der Jahrhunderte nicht nur in diesem Land
sondern auch in fast allen benachbarten Ländern
mehr und mehr Leute angesteckt. So war es aus Haß
gegen alles Edle zu vielen Kriegen zwischen den
Nachbarländern und dem Adlerland gekommen und es
gab Siege und Niederlagen, beiderseits. Dennoch
war das Adlerland seinem Wesen nach immer noch ein
Adlerland geblieben. Deswegen
schäumte das Ungeheuer vor Wut und ließ sich etwas
besonders Heimtückisches einfallen. Es vergiftete
einige Leute im Adlerland mit einem Spezialgift,
welches eine schleichende Veränderung des Ideals
dieser Menschen und damit auch ihrer selbst
bewirkte. Sie selbst merkten es gar nicht, wie dem
Adlerbild in ihrer Seele mehr und mehr die Federn
ausfielen, so daß zuletzt nur noch ein häßlicher,
nackter Hals da war, über dem es dann nicht mehr
diesen besonderen, in weite Fernen gerichteten
Adlerblick gab, sondern zänkische, aasgierige
Geieraugen blinzelten. Derart
gelang es dem Ungeheuer, daß immer mehr Adlerleute
zu Geierleuten wurden. Denen aber gelang es, daß
immer mehr ihrer Art zu Herrschern im Lande
wurden, letztlich also das Ungeheuer immer mehr
Macht bekam. Das
war aber nur die eine Hälfte der ungeheuerlichen
Heimtücke. Außerdem flüsterte das Ungeheuer den
Leuten in den umliegenden Ländern nunmehr ein, das
Adlerland brüste sich nur in verlogener Weise ein
solches zu sein - es wäre in Wirklichkeit ein
entsetzliches Geierland - man solle sich doch nur
einmal jene Führerfiguren etwas genauer ansehen.
Derart schürte das Ungeheuer nach all den Kriegen,
die es ja schon gegeben hatte, einen besonders
furchtbaren Krieg, in dem sich fast die ganze Welt
gegen das Adlerland verbündete, das denn auch eine
solche Niederlage erlitt, daß sein endgültiger
Untergang besiegelt schien. Aber
wider alles Erwarten konnte das besiegte Land sich
wieder aufrappeln und hier und da begann sogar das
Adlerhafte wieder durchzuschimmern. Flugs
gab das Ungeheuer da den Siegern zwei neue
Giftspritzen in die Hand, die geeignet sein
sollten, nunmehr aber auch jede Spur von adlerhaft
Edlem im besiegten Land endgültig zu tilgen, so
daß die Sieger dort auch in alle Ewigkeit die
eigentlichen Herrscher bleiben
konnten. Mit
dem einen Gift impften die Sieger dann den
Adlermenschen die Wahnidee ein, in ihrem Land
hätte es das Adler-Edle überhaupt nicht gegeben,
jedenfalls überhaupt nicht in der Zeit, wo es
diese geisterhaften Führer gegeben hätte, die das
Adlerwappen immer so besonders stolz vor sich
hergetragen hätten. Weil sich aber zum Leidwesen
der Sieger viele Leute im Adlerland als immun
gegen dieses Gift erwiesen, wurden nur noch die
erfolgreich geimpften als Professoren, Lehrer,
Politiker und Journalisten zugelassen. Und die
machten dann bald sehr strenge Gesetze, nach denen
jeder bestraft und geächtet wurde, der irgend
etwas sagte oder tat, was wahrheitsgemäß an das
Adlermenschentum erinnerte und daran, daß es das
natürlich auch in der tabuisierten Zeit auch noch
gegeben hatte. Aber
so ganz glückte die Verfemung immer noch nicht.
Immer noch gab es Leute, in denen das eingeborene
Lichte und Feenhafte sich sträubte, fortan in
einem mit häßlichen Trollen- und Geierbildern
bemalten Büßerhemd durch die Lande zu pilgern.
Deswegen
nutzten die Geierherrscher das verrückte Wetter
jenes Trollensommers, um mit riesigen Kanonen die
zweite Sorte Gift über das Land zu verspritzen.
Und viele Menschen, die sich bisher noch gegen das
Zwangsbüßerhemd gewehrt hatten, merkten gar nicht,
wie dieses schleichende, süße Gift in ihnen
wirkte. Sie merkten es gar nicht, daß sie davon
allmählich derart verzaubert wurden, daß sie weder
richtige Adler- noch richtige Geiermenschen mehr
waren, sondern nur noch lammfromme
Schafsgestalten, die mit Schafgeduld immer genau
in die Richtung rannten, die ihnen von den
Hütehunden aufgezwungen wurde. Damit
war es nun endgültig so weit, daß die Haßmenschen
es sich leisten konnten zum gewaltigen
Rundumschlag gegen alles Adlerhafte
anzusetzen. Schlau
nutzten sie dabei den Umstand, daß in diesem Land
schon seit Jahren die Kinder und die
Heranwachsenden der Indoktrination von
ausschließlich nach Geiergrundsätzen
unterrichtenden Lehrern ausgesetzt waren, die
alles Adlerhafte als verbrecherisch, alle
Selbstdisziplin als lächerlich und überholt und
die egozentrische "Selbstverwirklichung" als
erstebenswertes Ideal darstellten. Infolgedessen
war zwar nicht die ganze Jugend so verwahrlost,
wie es sich die Geierführungsschicht und ihre
Helfershelfer erwünscht hätten, denn das Feenhafte
im Blutserbe und das Vorbild vieler nicht
infizierter Eltern steuerte noch erfolgreich
dagegen. Einige
der Halbstarken waren aber durch die Libertinage
in eine derartige Haltlosigkeit getrieben, daß sie
den niederen Instinkten, die ja in uns allen
lauern, freien Lauf ließen. So
wurden denn aus ihnen wüst im Lande
umhermarodierende Strolche, und diese wurden dann
ungeachtet der Tatsache, daß es solche
Erscheinungen in jenen "modernen und aufgeklärten"
Zeiten in fast allen Ländern gab, von den
Geierführern geschickt als "typische Adlerjunge"
dargestellt. Raffiniert wurde die natürliche
Abscheu edler Adlermenschen vor allem Gemeinen und
Bestialischem benutz und umgemünzt in den das Land
mit abertausend Zeitungsartikeln, Fernseh- und
Rundfunksendungen überschwemmenden
Aufruf:
Auf
zum Kampf gegen alles Adlerhafte! Und
die ganze, ganze Schafherde blökte gehorsam nach:
Wir werden mutig und tapfer jeden bei den
zuständigen Herrschern zur Anzeige bringen, der
Adlerhaftes preist und damit ein geistiger
Anstifter der jungen Übelrowdys ist! Ist
es da nicht fast ein Wunder, daß es in diesem
merkwürdigen Land immer noch Leute gab, die das
sichere Gespür für das ererbte Adlerhafte in ihrem
Blut nicht verloren hatten? Und das waren nicht
etwa nur olle Daddys, die man vergessen konnte,
weil sie ja sehr bald aussterben würden.
Allüberall
gab es noch solche ihres Adlertums Bewußte, Frauen
und Männer, Junge und Alte, die sich weigerten,
sich selbst zu Geiermenschen oder zu
Schafsmenschen zu erklären und sich nur
widerwillig den strengen Antiadlergesetzen
fügten. Aber
da es nun mal ein gottgegebenes Naturgesetz ist,
daß überall in der Welt das Ringen von
Trollenhaftem und Feenhaftem hin und her geht, so
wie nun einmal Hell und Dunkel, Tag und Nacht erst
zusammen das ständig sich erneuernde Ganze von
Raum und Zeit, darum gibt es diesen
Feen-Trollenkampf natürlich auch in uns Menschen,
natürlich auch in jenen sich noch als
Adlermenschen empfindenden und gebärdenden Leuten
jener Zeit. In denen nun ließ das Trollenhafte
allerlei Gezänk aufkommen, wer von ihnen nun den
einzig richtigen Weg zur Überwindung des
Geier-Ungeheuers erfunden hätte und deswegen auch
ein glorreicher Anführer sein könnte. So
entstanden ganz viele kleine Gruppen und winzige
Grüppchen, die trotz des Bemühens mancher
einsichtiger Leute um ein konstruktives
Miteinander, in halsstarriger Eigenbrötelei und
oft auch in gegenseitigem Hader jeder sein eigens
Süppchen kochten.
So
hatten denn viele Leute, die sich eigentlich im
Grunde ihres Herzens zwar nicht nach irgendeiner
"guten alten Zeit" aber um so mehr nach einer
zeitgemäßen und zukunftsfähigen Erscheinungsform
des Adlerwesens sehnten, dennoch verständliche
Hemmungen, sich irgendeiner der verzankten
Grüppchen anzuschließen. Aber
genau da, in jenem Trollenssommer, als alles so
durcheinander ging und der endgültige Sieg der
Haßmenschen programmiert schien, - genau da
geschah es: Einige Adlermenschen taten sich
zusammen. Diese Adlermenschen konnten einander
darin vertrauen, daß bei ihnen nicht irgendein
Geltungsbedürfnis oder eine persönliche Eitelkeit
im Spiele war, sondern daß es einzig und allein
ihre Zielsetzung war, dem Edlen des Adlerwesens
wieder Ansehen und Geltung zu verschaffen, ihr
Land wieder in zeitgemäßer Form zu einem
wirklichen Adlerland zu gestalten. Dabei
waren diese Leute sich völlig im Klaren darüber,
was für ein schier unerreichbares Ziel sie sich da
auf die Hörner genommen hatten. Und
im Bewußtsein, daß das, wenn überhaupt, nicht von
heute auf morgen gehen würde, schufen sie
erstenmal ein Sammelbecken für alle Adlerfrauen
und Adlermänner, denen die Rettung des
Adlerwesens, des Adlerlandes vor dem endgültigen
Untergang gleich ihnen am Herzen lag.
Damit,
so vertrauten sie auf die Kraft ihrer Liebe zum
Adlertum, würde ihre Einrichtung zum Magnet werden
für alle, in denen es noch ein Sehnen nach so
etwas gab. Und
je mehr Adlermenschen sich so zusammenfinden
würden, um so mehr würde davon eine Kraft
ausgehen, tausendmal stärker als die Zauberkraft
der Haßmenschen, und ganz, ganz viele von den
Schafmenschen würden davon wieder zurückverwandelt
werden zu Adlermenschen, die dann alle gemeinsam
dafür sorgen würden, daß ihr Land wieder zu Recht
den Adler im Wappen tragen würde. Ja,
leider hört hier das Sommermärchen ausgerechnet an
der spannendsten Stelle auf und so wissen wir denn
nicht, wie es damals mit dieser Sammelbewegung
weiter ging. |