Das
Buch der Toten Namen
Howard Phillips Lovecraft und das
geheimnisvolle Necronomicon
Von Thomas Ritter
„Es
gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als sich Eure Schulweisheit träumen lässt..“
Das Zitat des Dichters trifft wohl aber nicht nur auf die Dinge zwischen Himmel
und Erde zu, sondern auch auf jene verborgenen Dinge unter der Erde.
Geradezu berüchtigt für mysteriöse Höhlen- und Tunnelsysteme ist Südamerika.
Zahlreiche Eingänge zu diesen sogenannten „Chinkanas“ sind abgeriegelt
worden. Der Zutritt wurde verboten, da schon etliche Abenteurer auf der Suche
nach den sagenhaften Inka-Schätzen in den unerforschten Abgründen für immer
verschwunden sind. Andere kamen mit schwerwiegenden psychologischen Schäden zurück.
Aus ihren fragmentarischen Berichten geht hervor, dass sich diese Schatzsucher
in den unterirdischen Labyrinthen mit Wesen konfrontiert sahen, die sie als
„Schlangen-„ oder „Echsenmenschen“ beschrieben.
Solche Berichte mögen dem Normalbürger des Internet-Zeitalters absurd
erscheinen, da er weder in der Schule noch in den Massenmedien je etwas darüber
erfahren hat. In früheren Kulturen jedoch war das Wissen um die Existenz
solcher Wesen Allgemeingut. Dieses Wissen hat sich nicht nur unter den Indios Südamerikas,
sondern auch in Indien und in den Regionen des Himalaya bis zum heutigen Tag
erhalten. Die Bevölkerung der betreffenden Gegenden kennt seit Menschengedenken
die Nagas, unterirdisch lebende „Schlangenmenschen“. Diese
Reptiloiden wurden und werden sogar von bestimmten Stämmen verehrt. Meist
geschieht das aus einer archaischen Angst heraus, manchmal auch wegen bestimmter
magischer Interessen. Viele Hindus wissen noch heute von den alten Legenden über
die Nagas, die in ausgedehnten Höhlensystemen unter dem Himalaya leben
sollen. Es heißt, dass diese Wesen mit Hilfe von mechanischen Apparaten, den
sogenannten Vimanas, auch fliegen können. Außerdem sollen sie über eine
ungeheure Intelligenz und eine geradezu magisch anmutende Macht verfügen. Die Nagas
sind den Menschen nicht unbedingt wohlgesonnen, insbesondere dann nicht, wenn
diese als Forscher oder Abenteurer in ihre unterirdischen Refugien eindringen.
Die Hindu-Überlieferung weiß auch von sagenhaften Schätzen zu berichten, die
in den Naga-Höhlen zu finden sind. Die Schlangenmenschen sollen über
Jahrtausende hinweg edle Metalle und wertvolle Mineralien in ungeheuer großen
Mengen angehäuft haben.
Doch nicht nur dem Hochplateau von Tibet und im Himalaya sollen sich
unterirdische Reiche dieser Schlangenmenschen finden, sondern auch in
Nordamerika. Die Hopi-Indianer wissen über sie folgendes zu berichten:
„Die Echsenmenschen sind kaltblütig. Die Wärme der Emotion ist in ihnen nicht vorhanden. Sie suchen die Wärme außerhalb von sich selbst und können nur überleben, indem sie die Wärme vom Feuer und von anderen Wesen stehlen. Das ist die Lebensart des Reptils. Die Kinder des Reptils haben in der Geschichte der Menschheit ebenfalls ihre Spuren hinterlassen. Täuschung und Lüge, Angst und Aufruhr, das sind die Spuren, die verraten, dass die Kinder des Reptils am Werk waren. Sie versuchen, in die Welt der Sonne einzudringen, indem sie sich vom Feuer anderer Wesen ernähren. Vergeßt dies nie! Haltet deshalb euer Feuer immer gut unter Kontrolle! Betrachtet die Spur des Reptils, und ihr stoßt durch alle Zeiten hindurch auf die Fälle größter Arglist und Irreführung. Es war die Schlange, die von den Menschen verehrt werden wollte. Und es war die Schlange, die nach des Menschen Seele griff. Diejenigen, die deine Emotionen, deinen Geist und deine Seele wollen – das sind die Kinder des Reptils.“
Die
Legenden der Hopi von den Echsenmenschen und die Berichte über die Nagas
in Indien lassen an Cthulhu, Yog-Sothoth und all die anderen Geschöpfe
der Großen Alten denken. Diese Wesen beschreibt der Schriftsteller H. P.
Lovecraft in seinen Erzählungen als ein „in uralten Tagen von den Sternen
herabgestiegenes Gezücht“. Ihnen widmete er sein ganzes literarisches
Schaffen. Lovecraft wird heute zu den Vätern der phantastischen Literatur
gerechnet. Dennoch drängt sich Vermutung auf, er habe die Schriftstellerei nur
als ein Ventil genutzt, um sich das namenlose Grauen von der Seele zu schreiben,
mit dem er irgendwann einmal in seiner Jugend konfrontiert wurde, und das ihn
sein ganzes Leben lang begleiten sollte.
Howard
Phillips Lovecraft wurde am 20. August 1890 in Providence, Rhode Island,
geboren. Er stammte aus
einfachen Verhältnissen. Nach einer unauffälligen Kindheit und Jugend begann
Lovecraft, der sich in seiner Autobiographie als einen „mechanischen
Materialisten“ bezeichnete, das Leben eines Sonderlings zu führen, der
Kontakte mit der Außenwelt scheute und der mit seinen Freunden und mit
Autorenkollegen in den USA und Europa fast nur schriftlich verkehrte. Er starb
am 15. März 1937. Sein hinterlassenes Werk ist nicht umfangreich. Zu seinen
Lebzeiten erschien nur ein einziges Buch – „Der Schatten über Innsmouth“,
das 1936 veröffentlicht wurde. Etwa 40 Kurzgeschichten und 12 Erzählungen
publizierte Lovecraft in verschiedenen Magazinen, vor allem in der Zeitschrift
„Weird Tales“ (Unheimliche Geschichten). Sein Biograph Giorgio Manelli
schrieb über ihn:
„Lovecraft will kein Visionär sein, sondern ein Chronist des Grauens, ein Chronist der Unterwelt. Lovecraft hat einen besonderer Ehrgeiz kultiviert – es ist die Erfindung einer Mythologie, die Beschreibung eines geschlossenen, totalen Universums; ein vielleicht überfordernder, jedenfalls aber großzügiger Ehrgeiz eines außerordentlichen Schriftstellers.“
Seine
grundlegende Idee, dass der Mensch sich fürchtet vor dem Unbekannten und
Unheimlichen aus den unermesslichen Tiefen des Universums, verwendete Lovecraft
erfolgreich bei der Schöpfung seiner Cthulhu-Mythologie. Es ist durchaus
bedenkenswert, ob Lovecraft Jahrzehnte vor Autoren wie Erich von Däniken oder
Robert Charroux den Kontakt mit einer außerirdischen Zivilisation nur aus einem
„großzügigen Ehrgeiz“ heraus postulierte, oder ob seine Erzählungen reale
historische Vorbilder haben. Der Cthulhu-Mythos jedenfalls ist die
Wiederbelebung uralter Sagen und Dämonengeschichten, wie etwa der Legenden über
die Nagas und die Echsenmenschen, in einem kosmischen Rahmen. Lovecraft
beschreibt eine Rasse außerirdischer Wesen, die vor Jahrmillionen die Erde
beherrschten. Er nennt sie „Große Alte“. Diese Wesen zogen sich später
laut Lovecraft in andere Dimensionen zurück, doch sie sind noch existent und
warten auf den geeigneten Augenblick, die Erde erneut zu besiedeln. Sie sind
jedoch vollkommen anders, als alles, was sich menschliche Phantasie je ersinnen
könnte. Deshalb ist der Kontakt mit diesen Wesen für Menschen
verderbenbringend. Menschen sterben oder verfallen dem Wahnsinn, wenn sie in das
wahre Antlitz der „Großen Alten“ schauen. Dabei beschreibt Lovecraft diese
fremden Wesen nicht als grundsätzlich böse, sondern als so anders geartet,
dass ein Kontakt mit ihnen für Menschen eben nicht gut ist.
Woher
aber bezog Lovecraft die Ideen für seine für den Cthulhu-Mythos? Immer wieder
taucht in seinen Werken ein geheimnisvolles, verbotenes Buch auf, das von den
unheimlichen Sternengöttern der Vorzeit kündet. Lovecraft bezeichnet dieses
Buch als „Necronomicon“, was sich am besten mit dem „Buch der
Toten Namen“ übersetzen lässt. Dieses Necronomicon soll nach Lovecraft
von einem arabischen Autor mit Namen Abdul Alhazred um 700 n. Chr. verfasst
worden sein. Der Originaltitel des Werkes lautet Al Azif, was mit „Die
Insektenwesen“ übersetzt werden kann. Lovecraft fasste die Geschichte des
Necronomicon und seines Autors selbst zusammen:
„Abdul
Alhared, ein verrückter Dichter aus Sanaa in Jemen, der während der Zeit der
Omajiden – Kalifen wirkte, suchte die Ruinen von Babylon und die
unterirdischen Geheimnisse von Memphis auf. Er lebte zehn Jahre lang allein in
der großen südarabischen Wüste, dem Roba El Khaliyeh oder „Leeren Raum“
der antiken oder „Dahna“ oder „Karmesinroten Wüste“ der heutigen
Araber, die von bösen Schutzgeistern und Ungeheuern des Todes bewohnt sein
soll. Von dieser Wüste erzählt man sich unter denen, die so tun, als wären
sie zu ihr vorgedrungen, viele seltsame und unglaubliche Wunder. In seinen
letzten Lebensjahren ließ sich Alhazred schließlich in Damaskus nieder, wo das
Necronomicon (Al Azif) geschrieben wurde. Von seinem schließlichen Tod oder
Verschwinden (738 n. Chr.) erzählt man sich die entsetzlichsten und widersprüchlichsten
Dinge. Ebn Challikan (ein Biograph aus dem 12. Jahrhundert) behauptet, er sei am
helllichten Tag von einem unsichtbaren Ungeheuer ergriffen, und vor den Augen
einer großen Zahl vor Schreck erstarrter Zeugen verschlungen worden. Über
seinen Wahnsinn ist so manches in Umlauf. Er behauptete, das märchenhafte Irem
oder die Stadt der Säulen gesehen und in den Ruinen einer gewissen Stadt ohne
Namen in der Wüste die erschreckenden Annalen und Geheimnisse einer Rasse
entdeckt zu haben, die älter ist als die Menschheit. Er war nur ein
indifferenter Moslem und verehrte Wesenheiten, die er Yog-Sothoth oder Cthulhu
nannte.
Um 950 n. Chr. wurde das Azif, das unter den Philosophen der Zeit beträchtliche,
wenn auch heimliche Verbreitung gefunden hatte, von Theodorus Philatus in
Konstantinopel unter dem Titel Necronomicon heimlich ins Griechische übersetzt.
Ein Jahrhundert lang regte es gewisse Schwarzkünstler zu entsetzlichen
Versuchen an, bis es von dem Kirchenvater Michael unterdrückt und verbrannt
wurde. Danach hörte man nur noch verstohlen von ihm, doch fertigte Olas Wormius
in der Folge im Mittelalter (1228) eine lateinische Übersetzung an, und der
lateinische Text wurde zweimal gedruckt – einmal im fünfzehnten Jahrhundert
in Fraktur (offensichtlich in Deutschland) und einmal im siebzehnten (vielleicht
spanischen Ursprungs). Beide Ausgaben enthalten keine bibliographischen Angaben
und lassen sich nur anhand von typographischen Merkmalen im Innern in Raum und
Zeit festlegen. Das Werk, sowohl die lateinische wie die griechische Ausgabe,
wurde 1232 von Papst Gregor IX. unmittelbar nach der Übersetzung ins
Lateinische auf den Index gesetzt, was Aufmerksamkeit auf das Buch lenkte. Schon
zur Zeit des Wormius ging das arabische Original verloren, worauf er in seiner
einleitenden Erklärung hinweist. Von der griechischen Ausgabe – die zwischen
1500 und 1550 in Italien gedruckt wurde, hat man nicht gehört, dass sie
irgendwo aufgetaucht wäre. Eine von Dr. Dee angefertigte Übersetzung blieb
ungedruckt und ist nur in Bruchstücken erhalten, die vom ursprünglichen
Manuskript gerettet wurden. Von den noch jetzt existierenden lateinischen Texten
weiß man, dass sich ein Exemplar (aus dem fünfzehnten Jahrhundert) im British
Museum befindet, ein weiteres wird in der Bibliothèque Nationale in Paris
aufbewahrt. Exemplare aus dem 17. Jahrhundert befinden sich in der Widener
Bibliothek in Harvard, auch in der Bibliothek der Universität von Buenos Aires
gibt es eines. Unzählige andere existieren versteckt... Das Buch wird von den
Behörden der meisten Staaten unbarmherzig unterdrückt, ebenso von allen
Religionsgemeinschaften. Seine Lektüre führt zu entsetzlichen Folgen...“
Zahlreiche
Historiker und Literaturkritiker haben sich angestrengt bemüht, das
sagenumwobene Necronomicon als Ausgeburt von Lovecrafts lebhafter
Phantasie darzustellen. Dennoch fand dieses Werk seinen festen Platz in der
okkulten Literatur. Es hat vor allem Beschwörungsformeln zum Inhalt, die dazu
dienen sollen, den „Großen Alten“ Tore im Raum und in der Zeit zu öffnen,
um sie wieder auf die Erde zurückkehren zu lassen. Dies würde dann allerdings
das Ende der menschlichen Zivilisation bedeuten. Ob es ein historisches Vorbild
für Lovecrafts Necronomicon gab, konnte bislang nicht abschließend geklärt
werden. Dennoch dürfte die Beschäftigung mit uralten Dokumenten und Überlieferungen
die Ursache für Lovecrafts merkwürdigen Lebenswandel und für seine seltsame
Angst vor der Außenwelt gewesen zu sein. Dieses verbotene Buch scheint das
Symbol für ein ebenso uraltes wie erschreckendes Wissen zu sein, von dem
Lovecraft Kenntnis erhalten hatte.
Als
Quelle für Lovecrafts Informationen kommt Lord Dunsany, ein großzügiger Förderer
Lovecrafts, in Frage. Der irische Adlige war bekannt für sein außerordentliches
Interesse an okkulten Geheimnissen und ein Vertrauter des Dichtes W. B. Yeats.
Lord Dunsany verfasste auch selbst zahlreiche phantastische Erzählungen, die
eine ganz eigenständige Mythologie zum Inhalt haben. Es steht außer Frage,
dass er einen wesentlichen Einfluß auf das literarische Schaffen des jungen
Lovecraft ausübte. Dies belegt eindrucksvoll ein im Jahr 1922 von Lovecraft
verfasster Aufsatz, in dem er Lord Dunsany als „den vielleicht
einzigartigsten, originellsten und phantasievollsten unter den derzeit lebenden
Autoren“ bezeichnet.
Possendorf,
2000
Thomas Ritter
Literaturverzeichnis:
| Dunsany, Lord | Das Fenster zu einer anderen Welt |
| Phantastische Bibliothek | |
| Band 161 | |
| Suhrkamp |
| Lovecraft, H. P. | Cthulhu Geistergeschichten |
| Phantastische Bibliothek | |
| Band 19 | |
| Suhrkamp |
| Lovecraft, H. P. | Azathoth |
| Phantastische Bibliothek | |
| Band 230 | |
| Suhrkamp |
Ich bedanke mich an dieser
Stelle bei Thomas Ritter recht herzlich für die Erlaubnis, seinen Artikel hier publizieren zu
dürfen.
Hier möchte ich auch einmal auf die Reiseangebote von Herrn Ritter hinweisen.
Die Reiseangebote für 2001 und 2002 finden Sie hier: Individuell
Reisen mit dem Schriftsteller Thomas Ritter