AEGIS IMPULS 9/2002

Buchbesprechung

Dr. med. G. Buchwald

Der Rückgang der Schwindsucht trotz „Schutz "-Impfung

176 S., 26 Abb. und Grafiken, 
Hirthammer Verlag, München.

Bei AEGIS erhältlich

Dr. med. Gerhard Buchwald, Jahrgang 1920, ist Facharzt für Innere l Medizin und Lungenkrankheiten l und zusammen mit der Französin Simone Delarue weltweit seit fast 4 l Jahrzehnten der bekannteste Streiter für Impfaufklärung und Impffreiheit. Sein Lebensthema sind Impfungen und Impfschäden. Dazu hielt er etwa 500 Vorträge, schrieb ca. 200 wissenschaftliche Arbeiten, ist Autor und Mitautor mehrerer Bücher und erstattete an die 150 Sachverständigen-Gutachten für Impf-schadensprozesse.

Der Rückgang der Schwindsucht trotz "Schutz"-Impfung

ist sein jüngstes Werk. Schwerpunkt des Buches ist die Schwindsucht, besser bekannt als Tbc: ihre Geschichte, Auftreten, und ihre Opfer. Die Irrtümer der Forscher, das Versagen ihrer Impfstoffe Tuberkulin und BCG. Ferner das Infektionsschutzgesetz vom 1.1. 2001 und das Schüren von Angst in Kindergärten, bei Schülern und Eltern. Wir erleben Medizingeschichte: Angefangen von den Vätern wissenschaftlicher Erkenntnisse über die Forschungen und Taten so berühmter Männer wie Koch, Pasteur, Ehrlich, Dettweiler, Röntgen, Brehmer bis zu ihren Irrtümern. Wir wundern uns über den verhängnisvollen Glauben an Heilung durch Königs-Berührungen und sakrales Küssen, erleben die Zeit des Heilstättenbaus, der Röntgen-Untersuchungen, den Aufbau der Lungenfürsorge, operative Behandlungsverfahren und Chemotherapie, etc. Die „Kochsche Lymphe", das berühmtberüchtigte Tuberkulin, bewahrte nach Kochs Angaben Meerschweinchen vor der Tuberkulose Sie brachte Koch Ämter, weltweiten Ruhm und das Großkreuz des „Rothe-Adler-Ordens" Spekulanten versprachen hohe Gewinne und zauberten Sanatorien aus dem Boden. Doch schon 1893 schlug das Pendel um: Das Kochsche Wundermittel Tuberkulin führte bei Menschen zum Aufflammen sämtlicher tuberkulöser Herde. Die neu entstandenen Sanatorien fanden als Tbc-Sterbehäuser nur schwer eine andere Verwendung und die großen und kleinen Spekulanten verloren ihr Geld. Buchwald schildert den größten Impftest der Geschichte: 1968 bis 1971 führte die WHO -Weltgesundheitsorganisation - einen riesigen Tbc-Feldversuch in Indien durch. Dort wurden in einem Areal mit 209 Dörfern und ca. 364 000 Menschen alle gegen Tbc geimpft. Es sollte der Test schlechthin werden, um die Tbc weltweit auszurotten (und nebenbei viele Milliarden für einige wenige Konzerne zu verdienen). Doch welche Bestürzung bei den Impfexperten: Im geimpften Areal gabs mehr Tbc-Erkrankungen und Todesfälle als im gleich großen ungeimpften Areal. Und fast noch schlimmer: Die STIKO (Ständige Impfkommission am Robert Koch-Institut) brauchte 27 Jahre, um das Ergebnis dieses Tests bekannt zu geben und die Tbc-Impfung von den empföhlenen Impfungen abzusetzen. Impfungen also haben den Rückgang der Schwindsucht von 117 596 Sterbefällen im Jahr 1901 auf 630 in 1999 nicht bewirkt. Was war es dann? Das sagt uns dieses Buch.

Leseprobe:

Kapitel 3.9 Tuberkulin
Aus den Veröffentlichungen Pasteurs wusste Robert Koch, wie ein Impfstoff herzustellen sei: Man nimmt den Erreger, züchtet und vermehrt ihn. Dann wird er durch Lagerung, Desinfektionsmittel oder Tierpassagen abgeschwächt, bis er keine Krankheitszeichen mehr hervorruft. Wird ein Organismus damit geimpft, kommt es zu Veränderungen im Blut, die „Antikörper" genannt wurden, es wurde behauptet, diese seien in der Lage, virulente Erreger unschädlich zu machen, d. h. der Körper sei „immun" geworden, er erkranke nicht mehr. So verfuhr Koch und verkündete am 4. Oktober 1890 in einem Vortrag zur Eröffnung des 10. Internationalen Medizinischen Kongresses zu Berlin unter großem Beifall, er habe Substanzen gefunden, die „nicht allein im Reagenzglas, sondern auch im Tierkörper das Wachstum der Tuberkelbazillen aufzuhalten im Stande sind, sodass Meerschweinchen, wenn man sie der Einwirkung einer solchen Substanz aussetzt, auf eine Impfung mit tuberkulösem Virus nicht mehr reagieren". Ist das Meerschweinchen bereits mit Tuberkelbazillen infiziert, kommt es an der Impfstelle zu einem Absterben von Gewebe, später wurde vom "Kochschen Phänomen" gesprochen. Es sei als Hinweis dafür zu werten, dass der infizierte Organismus eine Resistenz gegen eine Zweitinfektion ausgebildet habe. Koch teilte dann in seinen „Weiteren Mitteilungen über ein Heilmittel gegen Tuberkulose" seine Ergebnisse bei der Anwendung der „Kochschen Lymphe" mit. Sie wurde ab 1891 „Tuberkulin" genanntund soll subcutan gespritzt werden. Koch drückte sich sehr vorsichtig aus und berichtete nur über Wirkungen beim Meerschweinchen. Trotzdem löste seine Mitteilung einen Sturm der Begeisterung aus. Das wird verständlich, denn im 19. Jahrhundert war die Tuberkulose die wichtigste und häufigste Todesursache. Was Koch letzten Endes dazu veranlasste, vorschnell mit seinem Mittel an die Öffentlichkeit zu treten, ist nicht sicher bekannt. Tuberkulin war nicht einmal im Labor ausreichend erforscht worden. Es dürfte eine Mischung aus Ehrgeiz, Selbstüberschätzung, Wettrennen mit dem Institut Pasteur in Paris und — das wird von den Chronisten gerne verschwiegen — die Aussicht auf riesige Gewinne gewesen sein: „Koch hatte sich durch Monopolisierung des Mittels erhebliche finanzielle Vorteile erhofft und benutzte sie auch, um seine Stellung in dem neu errichteten Institut für Infektionskrankheiten auszubauen."

Selbst vom Institut Pasteur aus Paris kamen Glückwünsche. Daraufhin strömten von allen Seiten auf Heilung hoffende, an Schwindsucht Erkrankte nach Berlin. Wie Pilze schössen überall „Privatkliniken" aus dem Boden, in denen die Weithergereisten teuere Unterkunft fanden. Bei großen Bauvorhaben wurden plötzlich sämtliche Etagen in Sanatorien für Lungenschwindsüchtige umgewandelt. Kaum notdürftig ausgestattet, waren diese Sanatorien in kurzer Zeit voll belegt. Ü-berall kam die „Kochsche Lymphe" zur Anwendung. Am 20. November 1890 wurde Koch die Verleihung des Großkreuzes des „Rothe-Adler-Ordens" mitgeteilt. Über die „Ankunft des Tuberkulins in Greifswald" liegt nachfolgende Schilderung vor: „Auch für Greifswald kam endlich der große Tag, an dem in der inneren Klinik die ersten Impfungen mit Tuberkulin vorgenommen werden sollten. Er wurde begangen wie etwa eine Grundsteinlegung oder eine Denkmalsenthüllung. Lorbeerbäume bildeten den Hintergrund, von dem sich Arzte, Schwestern und Patienten in schneeigen Weiß und der Chefarzt im schwarzen Bratenrock abhoben. Festrede des Internisten, Vollzug der Impfungen an auserwählten Kranken, donnerndes Hoch auf Robert Koch! Es begann eben auch in der Medizin damals etwas laut herzugehen: Der Theaterdonner der Epoche Wilhelms II. hat auch Medizin und Hygiene nicht verschont."

Aber wenige Monate später standen die Leichenwagen vor den Häusern. So schnell, wie sie einst belegt waren, so schnell waren diese von Spekulanten hervorgezauberten „Sanatorien" auch wieder leer. Auf den Sturm der Begeisterung folgte der Rückschlag. Die Ernüchterung war furchtbar. Diese Häuser waren dann schwer anderweitig verwendbar, weil sie als Tuberkulose-Sterbehäuser einen schlechten Ruf hatten. Es war, als führte das Kochsche Serum zum Aufflammen sämtlicher tuberkulöser Herde im Körper. Koch hatte zunächst nicht verraten, worum es sich bei seiner Lymphe handelte. Dies war umso bedenklicher, als er sich über die Zusammensetzung oder Gewinnung seines Mittels zunächst völlig ausschwieg. Bis Januar 1891 wurde von den Ärzten ein Mittel angewandt, welches eine bis dahin unbekannte Substanz war, ein „Geheimmittel", dem nur aufgrund des wissenschaftlichen Rufes eines Robert Koch Glauben geschenkt wurde. Es stellte sich dann heraus, dass es ein Glycerinex-trakt aus Tuberkelbakterien war.

Später erlangte Tuberkulin aufgrund der Arbeiten von Clemens von Pirquet (1874—1929) als Diagnostikum Bedeutung: Nach Einbringung in die Haut (in geringster Dosis) zeigte das Auftreten einer örtlichen und allgemeinen Reaktion an, ob der Organismus mit dem Tuberkel-bazillus Kontakt gehabt hatte oder nicht.

Hautrötung oder Knötchen in der Haut bedeutete: positiv, d. h. dieser Organismus hatte bereits Kontakt mit dem Tuberkelba-zillus. Keine Reaktion hieß: negativ, d. h. es bestand bisher kein Kontakt mit dem Tuberkelbazillus.

Mit der Nachricht über das neue Wundermittel schienen auf einmal alle Maßnahmen zur Bekämpfung der Tuberkulose überflüssig zu sein. Selbst prophylaktische Maßnahmen schienen obsolet. Der Ausbau der Heilstätten stagnierte und man fragte sich, ob ein Weiterbau sinnvoll wäre. In den vorhandenen Häusern wurde Tuberkulin in kleinen Dosen zur Behandlung der Tuberkulose eingesetzt. Misserfolge traten ein, echte Erfolge blieben aus. Diese Versuchsperiode ging rasch vorüber. Das Pendel schlug dann auch in den Heilstätten um und unter den Patienten verbreitete sich etwa ab 1903 eine direkte Furcht vor der Anwendung dieses Mittels. Zuweilen aber hielten Ärzte am Tuberkulin fest. Das ging so weit, dass Patienten, die eine Behandlung mit Tuberkulin verweigerten, zur Strafe aus den Heilstätten entlassen wurden. Erst ab etwa 1910 wurde in den Heilstätten hingenommen, wenn Patienten Einspritzungen von Tuberkulin ablehnten.

Obwohl in Deutschland die Tuberku-lin-Begeisterung schon ab 1891 deutlich zurückging, weil schwere Nebenwirkungen und Todesfälle auftraten, wurde Koch 1891 zum Direktor des Institutes für Infektionskrankheiten ernannt. Den Nobelpreis für Medizin erhielt er 1905. Er hat nie verwunden, dass sich seine Hoffnungen, im Tuberkulin ein „Heilmittel" gefunden zu haben, nicht erfüllt hatten. Gerne hätte er mit Pasteur gleichgezogen. Mit Tuberkulin hat er noch lange experimentiert. Auf den Gedanken, dass Pasteurs Grundidee falsch sein könnte, ist er nie gekommen.



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