amnesty international (ai) hat eine Anzahl von Fällen
überprüft, bei denen Kinder und Jugendliche berichten, daß sie
Opfer von Menschenrechtsverletzungen geworden sind.
Türkische Kinder von 12 Jahren berichten, daß sie der Folter,
einschließlich von Elektroschocks, dem Benässen mit kaltem
Wasser und Schlägen unterzogen wurden.
Kinder und Jugendliche, die wegen geringfügiger Vergehen
verhaftet wurden, berichteten über Folter in vielen Teilen der
Türkei. Auch sind Kinder die Opfer in Konflikten zwischen der
PKK und der Staatsmacht.
Die 12jährige Döne Talun aus einem Armenviertel in Ankara
wurde gefoltert, während sie im Polizei-Hauptquartier von Ankara
für fünf Tage ohne Kontakt zu ihrer Familie oder zu einem
Rechtsanwalt inhaftiert war. Sie wurde verdächtigt, Brot
gestohlen zu haben. Sie berichtete.
"Am Abend wurden mir die Augen verbunden. Sie
fesselten mich und schlossen einen Draht an meine Finger an. Dann
sagten sie: wir werden Dir etwas geben. Dann schaltete einer von
ihnen den Generator an. Sie gaben mir Schocks in mein Gesicht. Am
nächsten Morgen wurde ich vernommen. Ich sagte ihnen, daß ich
nichts tat. Die blauen Flecken kamen durch Schläge mit einem
Schlagstock. Wegen den elektrischen Schlägen schmerzte einer
meiner Finger sehr stark und ich hatte auch einige Schmerzen im
Gesicht".
Der 13jährige Tayfun Kirs lebt im gleichen Viertel wie Döne Talun. Er wurde von der Polizei im Malthyse-Bezirk von Ankara festgenommen und des Diebstahls bezichtigt. Er wurde in der Cankaya-Polizei-Station verhört. Dort erhielt er "lediglich einige Schläge ins Gesicht", aber im Polizei-Hauptquartier, in das er anschließend gebracht wurde, erhielt er Schläge mit einem Schlagstock auf Füße und Gesäß sowie Elektroschocks. Rifan Onurcan, ein Freund, der ebenfalls festgenommen wurde, mußte sich nackt ausziehen; er erhielt Elektroschocks, Schläge auf Hände und Füße mit Schlagstöcken, und wurde mit einem kräftigen Strahl kalten Wassers besprengt.
Die Situation ist immer sehr schlimm für Kinder, die
eingesperrt sind wegen des Verdachtes von Verstößen gegen das
Anti-Terror-Gesetz. Erstaunlich vielleicht, daß die Verhaftung
von Kindern und Jugendlichen unter den Bestimmungen des
Anti-Terror-Gesetzes häufig vorkommt. Neben den Straftaten von
politisch motivierten Gewalttaten deckt dieses Gesetz eine
Vielzahl von gewaltlosen Handlungen ab wie die Unterstützung
oder die Mitgliedschaft einer illegalen Organisation, die
Veröffentlichung seperatistischer Äußerungen, die Teilnahme an
Demonstrationen, an Trauerumzügen, das Verteilen von
Flugblättern oder das Verkaufen politischer Zeitungen.
Für ein Kind, das unter solchen Umständen verhaftet wurde,
hängen alle Schutzmechanismen von Polizeibeamten und Anklägern
ab, die den Zugang zu Rechtsanwälten verweigern und die Haft
für Tage oder Wochen auf Grund des Anti-Terror-Gesetzes
verlängern können.
Der Fall von Vergi Kaya (15) ist eine typische Darstellung:
"Als ich sagte, daß ich nicht Mitglied einer
illegalen Organisation sei, schlugen sie mich auf meine Hände
und Fußsohlen... In der Mitte der Nacht kamen sie wieder und
zogen mich an meinem Haar in einen Raum, wo mein Bruder Sinan
Kaya war. Ich konnte sehen, daß er auch gefoltert wurde. Sie
befahlen uns zu gestehen. Schnell zogen sie uns aus. Mit dicken
Gummiknüppeln begannen sie mich auf meine Arme und meinen Bruder
auf seine Füße zu schlagen, dann schlugen sie meine Füße und
seine Arme... Ich wurde von meinem Brüder weggebracht und in
einen Raum nach oben gebracht. Dort wurde ich beschimpft und
geschlagen. Danach mueßte ich mich auf einen Stuhl stellen, dann
banden sie meine Arme an ein Seil, das zu einem Deckenbalgen
führte".
16jähriges Mädchen:
"Mir wurden die Augen verbunden. Ich wurde mit
kaltem Wasser bespritzt. Ich mußte mich auf ein Bett
niederlegen. Sie zogen meine Unterwäsche aus und schlugen meine
Arme und Beine. Sie gossen Wasser über mich und gaben mir
elektrische Schläge. Sie folterten mich eine lange Zeit. Ich
sagte ihnen, daß ich nichts weiß. Später brachten sie mich in
einen anderen Raum. Unter der Augenbinde hindurch konnte ich
viele nackte Menschen in dem Raum sehen. Ich fror. Leute
schrien...
Ich wurde mit einem hölzernen Instrument geschlagen Sie gaben
mir elektrische Schläge und hängten mich an einen Deckenhaken
auf. Ich wurde wieder mit Wasser begossen. Ich hatte keine
Ahnung, wie lang ich aufgehängt blieb... Dann bespengten sie
mich mit kaltem Wasser. Ich schrie, sagte, daß ich nicht meine
Arme fühlen könne. Ich wurde weggebracht. Zwei Tage lang
erhielt ich kein Essen...".
16jähriges Mädchen:
"Sie banden meine Arme an einen Deckenbalken und
zogen mich auf. Meine Augen wurden verbunden. Als ich hing,
dachte ich, meine Arme würden brechen... Als ich auf meine
Füße heruntergelassen wurde, war ich bewußtlos. Ich weiß
nicht mehr, wie lange ich schließlich aufgehängt war".
Die Darstellung von 16 jungen Leuten:
Ihre Augen wurden verbunden, nackt ausgezogen, mit kaltem Wasser
besprengt und erhielten elektrische Schläge. Die weiblichen
Gefangenen wurden gezwungen, sich einer gynäkologischen
Untersuchung zu unterziehen.
Sema Tasar (17):
"Meine Augen wurden verbunden. Sie verhörten
mich unter Schlägen. Einer der Polizisten sagte: 'Ziehen wir
sie' und sie begannen meine Kleidung gewaltsam wegzunehmen. Ich
versuchte mich zu wehren und schrie, aber vergeblich. Ich war
sehr erschrocken. Sie stülpten eine nasse Decke über mich,
hielten meine Beine und Füße fest, schlossen meinen großen Zeh
meines rechten Fußes an ein Kabel an und gossen Wasser über
mich. Dann gaben sie mir an allen Stellen meines Körpers
elektrische Schläge, meinen Sexualorganen, Bauch, Brust,
Ohren...".
Ayse Mine Balkanh (16):
"Nach dem meine und Sema's Augen verbunden
waren, stießen sie uns in eine Zelle mit einer Größe von sechs
auf acht Schritte. Sie ließen uns für eine Weile allein. Am
Abend wurde ich zu meinem ersten Verhör gebracht. Als ich nicht
auf ihre Fragen antwortete, wurden sie ärgerlich... 'gut, jetzt
ist sie fällig, bringe sie weg'. Am nächsten Morgen wurde ich
in den Folterraum gebracht... Dann gossen sie Wasser über mich.
Ein kalter Gegenstand - ich weiß nicht was es war - wurde in
mein Sexualorgan eingeführt. Nach drei oder vier Minuten hielten
sie einen Moment an, dann gaben sie mit am ganzen Körper
elektrische Schläge".
Serif Burgaz (13):
"Dann schlugen sie auf die Fußsohlen meiner
nackten Füße, ich wurde gezwungen, in zwei Positionen zu
hängen. Ich hing mit dem Kopf nach unten. Sie benutzen ein Seil,
welches sie rund um meine Knöchel banden... Ich mußte in einer
anderen Position hängen.
Am folgenden Tag verabreichten sie mir elektrische Schläge an
meinen Fingern und Füßen. Die Sequenzen waren rund zwei Minuten
lang. Ich bebte und erschütterte und schrie, während die es
taten. Sie benetzten mich mit kaltem Wasser, nachdem ich mich
auszuziehen hatte.
Ich teilte die Zelle mit meinem Bruder. Er wurde viel schlimmer
behandelt. Ihm wurden elektrische Schläge drei- oder viermal
gegeben. Er mußte jeden Tag hängen".
Sibel Aktan (16):
"Nackt besprengten sie mich mit kaltem Wasser.
Ich wurde geschlagen. Dann hatte ich zu warten. Später nahmen
sie mich hinunter in eine schmale Zelle (ca. 1,20 x 1,80 m). Am
Abend des nächsten Tages wurde ich wieder geholt. Meine Augen
wurden verbunden und ich wurde gezwungen, mich auszuziehen. Dann
nahmen sie mich in einen anderen Raum mit, wo ich mit unter hohem
Druck stehendes Wasser besprengt wurde. Ich sollte ein Statement
unterschreiben, in dem ich gestand, Mitgleid einer
Marxistisch-Leninistischen Partei zu sein. An den folgenden Tagen
wurde ich geschlagen, mit kaltem Wasser benäßt...".
Remziye Karakoc (15):
"Als wir im Anti-Terror-Branch in Mersin
angekommen waren, wurde ich sofort verhört. Sie zeigten mir
Bilder von Leuten, die ich nicht kannte. Ich sagte dies und sie
begannen mich zu schlagen. Sie schlugen mich in den nächsten
zwei, drei Stunden.
Elektrische Schläge wurden an meinen Fingern verabreicht,
jedesmal zwischen zwei und drei Minuten. Natürlich schrie ich
jedesmal auf, wenn sie mich folterten. Meine Augen waren
verbunden. Ein anderes Mal hatte ich mich auszuziehen und wurde
mit kaltem Wasser besprengt".